Auszug von
:
http://www.textem.de
Dieter Wenk
(07.06)
Als Jacques
Lacan mit dem Borromäischen Ring 1972
bekannt gemacht wurde, war er sofort
fasziniert. Die drei Ringe, das ergab für
ihn „RSI“, also seine Grundtrias von
Imaginärem, Symbolischem und Realem. Nur ein
Arzt kann vermutlich begreifen, was es
heißt, wenn das Symbolische verstopft oder
blockiert ist und die beiden anderen Systeme
entfleuchen können. Man nennt das Psychose.
Besser also, man bleibt schön verknotet, im
borromäischen Sinn.
Als Lacan mit
James Joyce, speziell mit „Finnegans Wake“,
bekannt gemacht wurde, glaubte er bemerken
zu müssen, dass der Dreierknoten in diesem
Zusammenhang zur Erklärung des Symptoms
„Joyce“ nicht ausreiche. Jeder kann sich
selbst davon überzeugen, dass die Sprache in
Finnegans Wake völlig aus dem Ruder läuft.
Man rudert in einem Sprachenmeer.
Und was macht
Joyce darin? Joyce’ „Häresie“ versucht Lacan
dadurch begreiflich zu machen, dass er sagt,
dass der Dreierknoten außer Kraft gesetzt
ist und ein Viererknoten anzunehmen sei mit
dem „Sinthome“ (so die alte Schreibweise im
Französischen von Symptom) als dem
derangierten Dreierknoten Konsistenz
verleihendes Element.
Lacans
Seminar ist keine Textanalyse. Ist es eine
Joyce-Analyse? Ist es überhaupt eine
Analyse? Vielleicht ist das Wort Esoterik
hier nicht ganz fehl am Platz. Wer Lust hat
mitzuspielen, spiele mit. Wer nicht, für den
wird der Verlust nicht allzu groß sein.
Das Problem,
das der Leser mit diesen Texten (mit Lacans,
nicht mit denen von Joyce) hat, besteht
darin, dass ein mathematischer Formalismus
bemüht wird, der umstandslos lacanistisch
übersetzt wird, als ob man einen Algorithmus
lesen könnte im Sinne eines Rebus. Lacan
macht sich hier eines Vergehens schuldig,
das er oft selbst anderen ankreidet, nämlich
„zu sehr“ im Imaginären zu sein...
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Herr der
Fadenringe
Der olympische
Knoten besteht aus fünf Ringen, die im
gleichen Abstand ineinander laufen. Damit
wollte man von Anfang an klar machen, dass
die Spiele weiter gehen, auch wenn ein
Kontinent oder zwei usw. ausfallen sollten.
Ein Boykott stellt also das Prinzip selbst
nicht in Frage. The show goes on, weil: the
show must go on. Das Prinzip wäre ganz
anders, wenn der Olympische Knoten nach dem
Prinzip des Borromäischen Knotens
konstruiert wäre. Hier hätte das Abspringen
bereits eines Ringes zur Folge, dass auch
die anderen Ringe frei würden. Die Spiele
könnten nicht mehr statt finden. Um einen
Borromäischen Knoten, der eigentlich eine
potentiell unabschließbare Kette ist, bauen
zu können, braucht man mindestens drei Ringe,
die so ineinander gefügt sind, dass, wenn
man einen, egal welchen, aus dem Gefüge
entfernt, auch die anderen frei sind. Als
Jacques Lacan mit dem Borromäischen Ring
1972 bekannt gemacht wurde, war er sofort
fasziniert. Die drei Ringe, das ergab für
ihn „RSI“, also seine Grundtrias von
Imaginärem, Symbolischem und Realem. Nur ein
Arzt kann vermutlich begreifen, was es heißt,
wenn das Symbolische verstopft oder
blockiert ist und die beiden anderen Systeme
entfleuchen können. Man nennt das Psychose.
Besser also, man bleibt schön verknotet, im
borromäischen Sinn. Als Lacan mit James
Joyce, speziell mit „Finnegans Wake“,
bekannt gemacht wurde, glaubte er bemerken
zu müssen, dass der Dreierknoten in diesem
Zusammenhang zur Erklärung des Symptoms
„Joyce“ nicht ausreiche. Jeder kann sich
selbst davon überzeugen, dass die Sprache in
Finnegans Wake völlig aus dem Ruder läuft.
Man rudert in einem Sprachenmeer. Und was
macht Joyce darin? Joyce’ „Häresie“ versucht
Lacan dadurch begreiflich zu machen, dass er
sagt, dass der Dreierknoten außer Kraft
gesetzt ist und ein Viererknoten anzunehmen
sei mit dem „Sinthome“ (so die alte
Schreibweise im Französischen von Symptom)
als dem derangierten Dreierknoten Konsistenz
verleihendes Element. Lacans Seminar ist
keine Textanalyse. Ist es eine
Joyce-Analyse? Ist es überhaupt eine
Analyse? Vielleicht ist das Wort Esoterik
hier nicht ganz fehl am Platz. Wer Lust hat
mitzuspielen, spiele mit. Wer nicht, für den
wird der Verlust nicht allzu groß sein. Das
Problem, das der Leser mit diesen Texten
(mit Lacans, nicht mit denen von Joyce) hat,
besteht darin, dass ein mathematischer
Formalismus bemüht wird, der umstandslos
lacanistisch übersetzt wird, als ob man
einen Algorithmus lesen könnte im Sinne
eines Rebus. Lacan macht sich hier eines
Vergehens schuldig, das er oft selbst
anderen ankreidet, nämlich „zu sehr“ im
Imaginären zu sein. Wer sich Mühe gibt, wird
verstehen, was es mit der Fibonacci-Reihe
auf sich hat und was sie mit dem Goldenen
Schnitt zu tun hat. Außerdem kann man lernen,
selber Borromäische Knoten zu basteln. Aber
es ist deshalb nicht einzusehen, was das mit
Freud, Psychoanalyse oder sonst einer Lehre
zu tun haben sollte, die sich mit der
Funktionsweise des Psychischen beschäftigt.
Dem Schwiegersohn und Herausgeber dieser
Seminare ist deshalb unbesehen zuzustimmen,
dass vor allem die späteren Seminare Lacans
ins Kryptische spielen. Man könnte auch ganz
platt sagen, man habe es hier mit einer
Sekte zu tun. Zeige mir deinen Ring, und ich
sage dir, ob du borromäisierst. Der Ton
Lacans bringt ein Übriges bei. Entsetzlich.
Aber diese Arroganz kennt man ja von
früheren Texten. In der 50-seitigen „Notice“
des Herausgebers wird übrigens ein
publizistischer Kleinkrieg mit Philippe
Sollers ausgetragen. Hier bekommt der Leser
gewissermaßen das Fleisch und die Eingeweide
nachgereicht, die den Fadenringen fehlen.
Dieter Wenk
(07.06)
Jacques Lacan,
Le Séminaire, livre XXIII, Le sinthome,
Paris 2005 (Seuil)
Auszug von
: http://www.textem.de