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   Psychoanalytische europäische Forschungs-und Bildungsgruppe zu : die Ursachen des Illettrismus

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Illettrismus, Topologie und Psychoanalyse : (in Französisch : Illettrisme psychanalyse et topologie)

Über die "Gradiva" von Wilhelm  Jensen

Sprach Spiel (t)Räume - Zur Wiederentdeckung des Schreibens in therapeutischen Prozessen, von Angela Thamm

 

 

 

 

 

 

 

 

http://www.erzaehlen-schreiben-lesen.de

Angela Thamm
Sprach Spiel (t)Räume
Zur Wiederentdeckung des Schreibens in therapeutischen Prozessen

 

 
 

Motto:
Schreiben heißt: sich selber lesen.
Max Frisch

Er spielte
am liebsten Verstecken,
aber es klappte nie,
weil er sich nicht fand.

Tilmann, 8 Jahre

Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Spraache.

Ich werde auch das Ganze : der Sprache und der Tätigkeiten, mit denen sie verwoben ist, das "Spachspiel" nennen.

Ludwig Wittgenstein

 
 
   
 

In einem Kreise von Männern, denen es als ausgemacht gilt, dass die wesentlichsten Rätsel des Traumes durch die Bemühung des Verfassers (1) gelöst worden sind, erwachte eines Tages die Neugierde, sich um jene Träume zu kümmern, die überhaupt niemals geträumt worden, die von Dichtern geschaffen und erfundenen Personen im Zusammenhang einer Erzählung beigelegt werden. (2) Mit diesen Sätzen beginnt einer der wesentlichsten Artikel des Psychoanalytikers Siegmund Freud auf Spurensuche nach den Geheimnissen seelischer Heilung. In einer Novelle des Autors Wilhelm Jensen war der Arzt auf ein unerwartet kluges dichterisches Wissen gestoßen, welches den eigenen medizinischen Ansichten er staunlich ähnlich zu sein schien. Der 1903 im Buchhandel erschienene Text hatte die 1902 auf Anregung von Wilhelm Stekel gegründete Psychologische Mittwoch-Gesellschaft in Wien gleichzeitig fasziniert wie irritiert, erzählte er doch – ohne offensichtlichen Rückgriff auf die Theorie Freuds – die Geschichte einer Genesung von einem Wahn. Konnte es wirklich sein, dass dem Dichter die Schriften Freuds unbekannt waren? – Man entschloss sich, den Autor selbst zu befragen.

Wien, am 20 / III 1902
Sehr geschätzter Dichter!
Ihre herrliche Novelle „Gradiva“ hat es uns angetan. Uns – das heißt einer
kleinen psychologischen Gesellschaft, die sich allwöchentlich bei Herrn Professor Freud, dem berühmten Nervenarzte, versammelt.
Allwöchentlich wird diskutiert, und letzte Woche diskutierten wir über „Gradiva“. Alle waren wir einig, dass die Novelle ein Meisterwerk ersten Ranges wäre. Aber auch vom ärztlichen und psychologischen Standpunkt haben Sie so viel Wahrheit hineingedichtet, dass wir alle gestehen mussten: Diese Dichtung ist geradezu Wissenschaft. Nun meinte ein Überkluger, Jensen hat das Traumbuch von Prof. Freud gründlich studiert. (Der Traum. Deuticke 1900) Meinung stand gegen Meinung. Wir gerieten hart aneinander. Meister! Schlichten Sie den Streit. Haben Sie das Buch von Freud über den Traum gelesen, oder haben Sie uns mal wieder gezeigt, dass der Dichter der Wahrheit näher kommt als die nüchterne Wissenschaft? Haben Sie es gelesen?
Seien Sie nicht böse, wenn ich in Sie dringe, um Sie um eine Antwort zu bitten.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Stekel (3)

Wie Jensens Antwort lautete, wissen wir leider nicht genau, aber in Siegmund Freuds Artikel von 1907 heißt es, der Dichter habe, wie vorauszusehen gewesen sei, „verneinend und sogar etwas unwirsch“ reagiert. „Seine Phantasie habe ihm die „Gradiva“ eingegeben, an der er seine Freude gehabt habe; wem sie nicht gefalle, der möge sie eben stehen lassen [...].“ (4)

Worum geht es in der Novelle? Der junge Archäologe Norbert Hanold stößt in einer Antikensammlung Roms auf das Reliefbild einer jungen Römerin, welches auf ihn so anziehend wirkt, dass er einen Gipsabdruck davon herstellen lässt, den er in seiner Studierstube in irgend einer deutschen Universitätsstadt aufhängt.
Das Bild stellt ein reifes junges Mädchen im Schreiten dar, welches sein reichfaltiges Gewand ein wenig aufgerafft hat, so dass die Füße in den Sandalen sichtbar werden. Der eine Fuß ruht ganz auf dem Boden, der andere hat sich zum Nachfolgen vom Boden abgehoben und berührt ihn nur mit den Zehenspitzen, während Sohle und Ferse sich fast senkrecht emporheben. Der hier dargestellte ungewöhnliche und besonders reizvolle Gang hatte wahrscheinlich die Aufmerksamkeit des Künstlers erregt und fesselte nach so vielen Jahren nun den Blick des archäologischen Beschauers. (5)

Der junge Wissenschaftler verliebt sich in die steinerne Figur, und in seinem Wahn beginnt er, nach ihr zu suchen.
Welche Gedanken, Gefühle und Geschehnisse Wilhelm Jensen inszeniert, um den jungen Archäologen Norbert Hanold aus seinem steinernen Käfig zu befreien und zur Liebesfähigkeit gelangen zu lassen, kann an dieser Stelle leider nicht weiter verfolgt werden. Uns geht es hier allein um Freuds Entdeckung, dass der Dichter in seinem Text einen Heilungsentwurf zu „verstecken“ vermag, welcher dem eigenen Bewusstsein verschlossen ist, ja von dem er – so aus dem Briefwechsel mit Freud ersichtlich – noch nicht einmal etwas zu ahnen scheint. Der literarische Text bzw. sein Verfasser inszeniert für seinen Helden sowohl die Erkrankung wie auch die Wege ihrer Heilung. Sein Unbewusstes scheint um das Geheimnis der Lösung aus dem Konflikt zu wissen.
„Wir schöpfen wahrscheinlich aus der gleichen Quelle“, schlussfolgert Freud am Ende seines Forschungsartikels, „bearbeiten das nämliche Objekt, ein jeder von uns mit einer anderen Methode, und die Übereinstimmung im Ergebnis scheint dafür zu bürgen, dass beide
richtig gearbeitet haben. Unser Verfahren besteht in der bewussten Beobachtung der abnormen seelischen Vorgänge bei anderen, um deren Gesetze zu erraten und aussprechen zu können. Der Dichter geht wohl anders vor; er richtet seine Aufmerksamkeit auf das Unbewusste in seiner eigenen Seele, lauscht den Entwicklungsmöglichkeiten desselben und gestattet ihnen den künstlerischen Ausdruck, anstatt sie mit bewusster Kritik zu unterdrücken. So erfährt er aus sich, was wir bei anderen erlernen, welchen Gesetzen die Betätigung dieses Unbewussten folgen muss, braucht diese Gesetze nicht auszusprechen, nicht einmal sie klar zu erkennen, sie sind infolge der Duldung seiner Intelligenz in
seinen Schöpfungen verkörpert enthalten.“ (7)

Dass man dem Dichter einen „schlechten Dienst erweise“ wenn man sein Werk zu einer „psychiatrischen Studie erkläre“, ist Freud sehr wohl bewusst, (8) – doch lesen wir in die Korrespondenz mit C. G. Jung hinein, so gilt das analytische Interesse der Ärzte dennoch eher der Neurose des Dichters als seiner „poetischen Selbstsorge“. (9)
Man fand zwar heraus, dass das Thema der Gradiva auch in anderen Novellen des Dichters latent war, doch die Frage, inwieweit Jensens Schriftstellerei dazu beigetragen habe, dass er, statt zum Patienten zu werden, als Dichter die Leser zu beglücken vermochte, wurde nicht wirklich gestellt.

Auch die Patientin Anna O. alias Bertha Pappenheim, hatte sich seit ihrer Jugend mit dem Schreiben, u. a. der Abfassung von Stücken für ihr Privattheater, zu entlasten versucht und durch Berichte über ihre Selbsterfahrungen, dass sich ihre hysterischen Symptome ebenso bei der Wiedergabe von Märchen und Erzählungen reduzierten, ihren Ärzten Freud und Breuer die Entdeckung der „talking cure“ erst ermöglicht.

Wir fanden nämlich, anfangs zu unserer größten Überraschung, dass die einzelnen Symptome sogleich und ohne Wiederkehr verschwanden, wenn es gelungen war, die Erinnerung an den veranlassenden Vorgang zu voller Helligkeit zu erwecken, damit auch den begleitenden Affekt wachzurufen, und wenn dann der Kranke den Vorgang in möglichst ausführlicher Weise schilderte und dem Affekt Worte gab. Dabei treten, wenn es sich um Reizerscheinungen handelt, diese: Krämpfe, Neuralgien, Halluzinationen, – noch einmal in voller Intensität auf und verschwinden dann für immer. (10)

Dass Berta Pappenheim (1859 –1936) nicht alleine in der psychoanalytischen Behandlung gesundete sondern auch mit dem Schreiben von zunächst Märchen, später Erzählungen, Theaterszenen und bis ins Alter hinein in Berichten, adressiert an jüdische Mädchen und Frauen, immer wieder nicht nur andere sondern auch sich selbst heilsam zu begleiten wusste, scheint offensichtlich. Doch führten diese Fakten den Naturwissenschafter Freud und seine Schüler bis heute hin nicht zu der Konsequenz, das Schreiben systematisch in die psychoanalytische Methode einzubeziehen. Die heilsame Tätigkeit schöpferischen Sprachgebrauchs und – im Sinne der sprachphilosophischen Überlegungen Ludwig Wittgensteins – poetische Erweiterung alltäglicher Sprachspiele mit Erzählen, (Vor)Lesen und Schreiben konnte bislang in ihrer hervorragenden Bedeutung noch nicht entziffert werden. (11)

Erst mit der Einführung einer sprach- und symboltheoretischen Refl exionsebene in die psychoanalytische Diskussion durch den Psychoanalytiker und Soziologen Alfred Lorenzer können im Sinne eines tiefenhermeneutisch angelegten „Szenischen Verstehens“ die entscheidenden Fragen wissenschaftlich gesichtet und angegangen werden: Was macht das Schreiben mit den Dichterinnen und Dichtern? Wann und wie können sie an ihren Texten gesunden? Warum gelingt dies nicht immer und wieso ist der, der schreibt, noch lange nicht bei sich?
(12) (13)

Der folgende Artikel schließt an die Überlegungen Lorenzers an, das Sprach-spiel-Konzept Ludwig Wittgensteins für die psychoanalytische Theoriebildung neu zu entfalten. (14)
In einer Studienarbeit der Schreiberin dieses Artikels in den 80iger Jahren wurden außerdem erste Versuche unternommen, die damals recht jungen Erfahrungen einer, im Rahmen der Integrativen Therapie von Hilarion Petzold und Ilse Orth angestoßenen Schwerpunktbildung „Poesie- und Bibliotherapie“ am Fritz – Perls – Institut (Hückeswagen / Beversee) mit sprachwissenschaftlichen Erkenntnissen zu erweitern und zu vertiefen. (15)

 
 
   
 

(1) Anmerkung im Original: „Freud, Die Traumdeutung, 1900 [Ges. Werke, Bd. II / III].
(2) Sigmund Freud, Der Wahn und die Träume in W. Jensens „Gradiva“. In: Ders., Gesammelte Werke,
Frankfurt am Main, S. Fischer, 6. Auflage 1976, XIX Bde, Bd. VII, S. 29-125, hier S. 31.
(3) Sigmund Freud, Der Wahn und die Träume in W. Jensens „Gradiva“. Mit der Erzählung von Wilhelm
Jensen. Hrsg. und eingeleitet von Bernd Urban. Frankfurt am Main: Fischer TB, 3. Aufl .
2003, S. 17. (Im weiteren zitiert als „Texte und Briefwechsel zur Gradiva“).
(4) Texte und Briefwechsel Gradiva, S. 122.
(5) ebd., S. 35.
(6) ebd., Abb. gegenüber S. 96.
(7) Freud 1976, S. 120 f.
(8) Freud 1976, S. 70.
(9) Der inhaltliche Bezug zur romantischen Entdeckung persönlicher „Künstlerischer Selbstsorge“ in Ergänzung des politischen Programms der Selbstsorge im Sinne Bettine- und Achim von Arnims kann hier nur angedeutet werden. Eine ausführliche Darstellung ist nachlesbar in meinem
Artikel „Sie hatte immer zu schreiben.“. Bettine von Arnims Selbstsorge mit Feder, Tinte und Papier. In: Internationales Jahrbuch der Bettina-von-Arnim-Gesellschaft, hrsg. von Wolfgang Bunzel, Bd. 18, Berlin, Saint Albin 2006, S. 85-115 (im Druck). Vgl. hierzu auch Ulrike Landfester, „Die echte Politik muss Erfinderin sein.“ Das politische Vermächtnis Achim und Bettine
von Arnims. Festvortrag zur Eröffnungsveranstaltung der „Romantischen Tage“ in der Akademie der Künste in Berlin am 6. Mai 2004. In: Internationales Jahrbuch der Bettina-von-Arnim-Gesellschaft, Saint Albin 2004, S. 15-24

(10) Studien über Hysterie, S. 9 f. Vgl. auch Marianne Brentzel, Sigmund Freuds Anna O. Das Leben der Bertha Pappenheim. Leipzig, Reclam 2004, hier insbes. S. 246-270.
(11) „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache. Ich werde auch das Ganze: Der Sprache und der Tätigkeiten, mit denen sie verbunden ist, das „Sprachspiel“ nennen.“ (Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen. Frankfurt, Suhrkamp 1977, S. 28 ff.
(12) Alfred Lorenzer, Die Sprache, der Sinn und das Unbewusste. Psychoanalytisches Grundwissen und Neurowissenschaften. Hrsg. Von Ulrike Prokop. Mit einer Einleitung von Bernhard Görlich und einer Einführung von Marianne Leuzinger-Bohleber. Stuttgart, Klett-Cotta 2002, hier bes. S. 63 ff.
(13) Eva Koch-Klenske, „Wer schreibt ist noch lange nicht bei sich“. Psychologie heute 2 / 84, S. 61- 67.
(14) Alfred Lorenzer, Wittgensteins Sprachspiel-Konzept in der Psychoanalyse. In: Ders., Sprachspiel und Interaktionsformen. Vorträge und Aufsätze zu Psychoanalyse, Sprache und Praxis. Frankfurt, Suhrkamp 1977, S. 15-37.
(15) Angela Thamm, Poesie- und Integrative Therapie. Linguistische Überlegungen zu einem beson- deren Sprachspiel. In: Hilarion Petzold, Ilse Orth, Poesie und Therapie. Über die Heilkraft der Sprache. Poesietherapie, Bibliotherapie, Literarische Werkstätten. Paderborn: Junfermann, 3. Aufl . 1995, S. 135-157, hier bes. S. 149 ff.

 

 
     
 

Auszug aus dem

Sonderdruck aus der Buchveröffentlichung unter dem Titel
Schreiben im Kontext
von Schule, Universität, Beruf und Lebensalltag
herausgegeben von
Johannes Berning
Nicola Keßler
Helmut H. Koch
beim LIT-Verlag, Münster 2006.

 

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