Bis vor drei Jahren
konnte Hunziker nur leidlich lesen. Und wenn er etwas
schreiben musste, tat er das auf
dem Niveau eines Zweitklässlers.
«Wenn ich etwas anschaue, das ich vorher geschrieben
habe», sagt er, «dann denke ich: ‹Jesses Gott, was war
denn da los?›». Vorher, das war, bevor der damalige
Chauffeur Kurse beim Verein «Lesen und Schreiben für
Erwachsene» in Aarau besuchte.
Hunzikers Problem nennt sich Illettrismus. Während es
hier zu Lande kaum Menschen gibt, die überhaupt nicht
lesen und schreiben können, sind vom Illettrismus fast
zehn Prozent der Schweizer betroffen. Ihr Kennzeichen:
sehr bescheidene Lese und Schreibkompetenzen. «Diese
Menschen haben beispielsweise Mühe, der Packungsbeilage
eines
Medikaments die richtige Dosierung zu entnehmen»,
schreibt die Schweizerische Koordinationsstelle für
Bildungsforschung auf ihrer Homepage.
Eine Welt hat sich aufgetan Für Alfred Hunziker
bedeutete die Schreib- und Leseschwäche mehr als
Probleme mit Beipackzetteln. «Ich fühlte mich immer
klein wegen meines Makels», sagt er, «und hatte
permanent
Angst, entdeckt zu werden.»
Von der ersten Primarklasse an machten Hunziker
Buchstaben Mühe. Lesenging nur langsam, mit dem
Schreiben kam er gar nicht klar, besonders mit Dingen
wie Doppel-S, Kommas, grammatikalischen Regeln und
«anderen Details», wie er sagt.
Hunziker hatte viel
beschäftigte Eltern und zwei Geschwister, die auch nicht
helfen
konnten. Das Interesse an Geschriebenem war in der
ganzen Familie bescheiden.
«Meine Diktate waren rot vor lauter Korrekturen», sagt
er, «aberdie Lehrer ignorierten das.» Wie kann
man so die Schulzeit absolvieren ?
«Mit Spicken und Mogeln», sagt Hunziker achselzuckend.
Mal hat man ein Buch vergessen, dann schreibt man wieder
ab. Durch häufigen Schul- und Lehrerwechsel fiel das
nicht so auf.
Anders als die Schule machen Hunziker die Kurse, die er
seit drei Jahren besucht, Freude. «Man fühlt
sich dort vom ersten Moment an respektiert und
ernstgenommen», sagt er.
Und : Seit er ordentlich lesen und schreiben könne, habe
sich ihm «eine Welt aufgetan». Er liest Tageszeitungen
und Bücher über Psychologie. Im Geschäft braucht er sich
nicht mehr zu
verstecken. «Ich bin ganz allgemein ruhiger geworden und
gehe viel mutiger an eine Sache heran.» Bewerbungen, die
früher seine Partnerin für ihn geschrieben hat, verfasst
er selber.
Lesen und Schreiben als Hobby Jetzt hat Hunziker einen
neuen Job, ein neues Selbstbewusstsein –
und einen neuen Freund. Der heisst ebenfalls Hunziker,
aber Fritz. Er ist48-jährig, Vorarbeiter, kommt aus
Schöftland AG und drückt schon seit vier Jahren die
Erwachsenenschulbank
im Aarauer Francke-Gut. Hier haben sich die beiden
Hunzikers kennen gelernt. In der gediegenen, von
Wiesen umgebenen Villa möchte man gerne Schüler sein.
«Ich liebe die Kurse», schwärmt Fritz Hunziker denn
auch, «sie sind für mich ein Hobby geworden.» Die
Ursachen seines
Illettrismus waren ähnlich wie bei Alfred: Grosse
Schulklassen und ein geringes Interesse für die
Schwierigkeiten des Einzelnen.
Bei Fritz wurde das
Problem durch eine Legasthenie verschärft. «In der
Schule wurde ich
einfach mitgeschleppt», sagt Hunziker. Er wurde aber
auch gehänselt. Die Mutter
versuchte zu helfen, was von der Schule jedoch nicht
erwünscht war.
Fritz konzentrierte seine ganzen Kräfte auf den Sport
und blühte dort auf. «Da ging alles,
auch ohne Lesen und Schreiben», sagt er. Es folgten die
Rekruten- und die Unteroffiziersschule,
einige Jahre als Müller und dann der Wendepunkt: Sein
Arbeitgeber musste die Firma
schliessen und Fritz einen neuen Job suchen.
Da war er 37 und des Schreibens immer noch nicht
mächtig.
Als im neuen Betrieb die Beförderung anstand, konnte
Hunziker den Illettrismus nicht
mehr verbergen. «Am Flipchart zu stehen und etwas
präsentieren zu müssen war der Horror»,
sagt er.
Während zehn Kollegen
staunten, wie viele Fehler in einem einfachen Satz Platz
haben,
schämte sich Hunziker fast zu Tode, wie er sagt: «Ich
wünschte, es würde ein Drachen
kommen und mich mitnehmen.»
Stattdessen entdeckte er
die Zeitungsannonce mit dem Angebot «Lesen und Schreiben
für
Erwachsene», und er kam zur Erkenntnis: «Viele Männer
und Frauen haben die gleiche Schwäche
wie ich. Ich dachte immer, ich sei der Einzige.» «Jetzt
bin ich viel offener»
Jetzt startet der zweifache Vater durch. Er pflegt eine
Brieffreundschaft in Berlin und lässt
seine Texte im Internet korrigieren. Nicht nur das
Schreiben, auch Fremdsprachen will er beherrschen.
«Ich war früher schüchtern und verschlossen», sagt er,
«jetzt bin ich viel offener.»
Mit seiner Euphorie
möchte Fritz Hunziker so viele Leute wie möglich
anstecken. Bisher
noch ohne Erfolg. Aber er gibt nicht auf.
«Ich kann nicht mehr tun, als immer und immer wieder von
meinem eigenen Erfolg zu
erzählen», sagt er.
Yvette H E
T T I N G E R