DIE
DAUER DER KUR UND DIE SITZUNGSDAUER
In diesem letzten
Kapitel soll es vor allem um die Frage nach dem
Ende der Analyse, d.h. nach der Gesamtdauer der
Kur gehen. Dabei wird Lacans Spätwerk mit dem
darin besonders wichtigen Begriff des „Realen“
und einer eigentümlichen Spielart des
Cartesianischen Subjektbegriffs in den
Mittelpunkt treten. Die zentrale These dieses
Kapitels ist, dass Lacans Ausführungen zur Dauer
der Analyse seine Theorie der variablen
Sitzungsdauer vervollständigten. Ich werde
zeigen, wie die Praxis der
séances scandées
schließlich, als Lacan nach seinem Austritt aus
der IPA seine eigene Schule gegründet hatte,
durch die (ebenfalls sehr umstrittene)
technische Handhabung des Endes der Kuren dort
ergänzt wurde. Am Schluss sollen noch kurz die
Folgen dargestellt werden, welche Lacans
technische Innovationen seither gehabt haben.
Die Zeit der Analyse ist eine
logische Zeit
„Die Zeit spielt
in der Technik unter verschiedenen
Gesichtspunkten eine Rolle. Zunächst stellt sie
sich in der Gesamtdauer der Analyse dar und
bedingt den Sinn, der einer Beendigung der
Analyse zu geben ist.“
1
Mit diesen Worten leitete Lacan in
Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache
seine Diskussion des technischen Umgangs mit der
Zeit ein, in deren Verlauf er zunächst Freuds
Festlegung des Endes der Analyse im Falle des
Wolfsmanns kritisierte, um im Anschluss daran
seine Technik der variablen Sitzungsdauer zu
rechtfertigen. Meiner Ansicht nach sind diese
beiden Argumentationsstränge eng miteinander
verwoben. Auf Lacans Missbilligung von Freuds
Umgang mit seinem Patienten Sergej Pankejeff bin
ich bereits in den Kapiteln 3 und 6 kurz zu
sprechen gekommen. Nicht nur durch seine
Verkennung der Bedeutung der pekuniären Aspekte
der Analyse, sondern vor allem auch durch die
Terminsetzung sollte Freud Pankejeff so tief in
die Selbstentfremdung getrieben haben, dass
dieser in der Folge psychotisch wurde. „Die
Festsetzung eines Endes der Analyse kommt einer
verräumlichenden Projektion gleich, in der das
Subjekt je schon von dem Moment an sich selbst
entfremdet ist, in dem seine Wahrheit als
terminierbar vorausgesehen werden kann. Was
immer von ihr in einer verräumlichten
Intersubjektivität ankommen mag, es ist dies:
daß die Wahrheit bereits da ist; das heißt, wir
würden im Subjekt seine ursprüngliche Täuschung
in dem Maße wieder herbeiführen, in dem es in
uns seine Wahrheit setzt, und wir würden
insofern, als wir es mit unserer Autorität darin
bestärkten, die Analyse in eine Verwirrung
lenken, deren Resultate unmöglich zu korrigieren
wären. Gerade das ist in dem berühmten Fall des
Wolfsmanns geschehen“.2 Das Scheitern von dessen
Behandlung, so vermutete Lacan, lag darin
begründet, dass Freud seinen Analysanden dazu
gebracht hatte, sich selbst zu objektivieren,
indem er ihm suggeriert hatte, dass es möglich
wäre, dass zu einem ihm aufoktroyierten und
vorab festgelegten Datum die Veräußerung seiner
im Grunde schon vollständig vorhandenen, nur
noch verborgenen Wahrheit abgeschlossen sein
könnte. Wenn er ihn als anderen
akzeptiert hätte, so wäre ihm klar gewesen, daß
auch der Analytiker „die Zeit des Verstehens
bei einem Subjekt insofern nicht vorhersehen
[kann], als sie einen psychologischen Faktor
einschließt, der sich uns als solcher entzieht.“
Pankejeff hatte sich nicht als begehrendes, auf
die Zukunft hin offenes Subjekt anerkennen
können, weil auch Freud ihm diese Anerkennung
verweigert hatte. Lacan schloss daraus, „daß die
Dauer der Analyse für das Subjekt nur als
unbegrenzt antizipiert werden kann“,3 wenn man
einen so massiven Selbstverlust, wie er im Falle
des Wolfsmanns
aufgetreten war,
verhindern wollte.
Lacan nutzte die
Auseinandersetzung mit den Auswirkungen von
Freuds aktivem Eingriff, um den Boden für die
Verteidigung seiner eigenen aktiven Technik zu
bereiten. Zwar vermied er es, die Parallelen
zwischen der Terminsetzung und der festen
Sitzungsdauer explizit herauszustreichen,
rhetorisch legte er diese Verbindung aber nahe,
denn mit Bezug auf die vorherige Bestimmung des
Sitzungsendes sprach er ebenfalls von
Verräumlichung, Terminiertheit und Entfremdung.
Hier wie dort ging es um die Fragen, ob sich von
vornherein festlegen ließe, wieviel Zeit das
Unbewusste zu seiner Realisierung brauchen
würde, und ob es sich bei dieser Zeit um die
Zeit der Uhr bzw. des Kalenders handelte. Lacan
war der Ansicht, dass die Sitzungsdauer und die
Gesamtdauer der Analyse gleichermaßen unbestimmt
gehalten werden müssten und nicht der
physikalischen, sondern einer logischen Zeit zu
unterwerfen seien.
Das Konzept der
logischen Zeit wurde für Lacan zum Leitgedanken
für seine Umdeutung von Freuds Kasuistik A
us
der Geschichte einer infantilen Neurose4,
in dem dieser über Pankejeff berichtet hatte.
Bei dem Patienten handelte es sich um einen
jungen russischen Aristokraten, der 1910 im
Alter von dreiundzwanzig Jahren auf Freuds Couch
geriet, nachdem er zuvor schon – ohne Erfolg –
von Theodor Ziehen und Kraepelin behandelt
worden war.5 Im Laufe der Analyse erinnerte er
sich an einen Traum, der ihm im Alter von vier
Jahren gekommen war. Wegen der darin im
Mittelpunkt stehenden Wölfe entschied sich Freud
in seiner Publikation für das Pseudonym
„Wolfsmann“. Im Anschluss an den Traum hatte
sich bei dem Kind eine „infantile Neurose“
entwickelt. Freud rekonstruierte die „Urszene“,
auf die der Traum seiner Ansicht nach
rekurrierte und die in seinen Augen für die
Genese der Neurose eine entscheidende Rolle
gespielt hatte. Demnach sollte der Wolfsmann mit
anderthalb Jahren seine Eltern beim Coitus a
tergo beobachtet haben und dabei des
fehlenden Penis
der Mutter gewahr geworden sein. Zu jenem
Zeitpunkt hatte diese Wahrnehmung noch keine
traumatische Wirkung, da das Kind zu jung war,
um das Geschehen zu begreifen. Mit vier Jahren
erinnerte es sich jedoch durch den Traum an die
Szene. Infolge seiner Reifung und
vorangegangener sexueller Erlebnisse mit seiner
Schwester begriff es nun, was es gesehen hatte.
Erst jetzt entfaltete das Erlebnis der Urszene
nachträglich seine traumatische Wirkung (so wie
auch im bereits dargestellten Fall der Emma der
sexuelle Übergriff des Krämers erst zu einem
späteren Zeitpunkt, nach Einsetzen der Pubertät,
zum Trauma geworden war). Die Erinnerung wurde
jedoch sogleich verdrängt und der Junge
entwickelte infolgedessen die Neurose. Bei dem
dreiundzwanzigjährigen Mann kam sie aber in
ihrer durch den Kindheitstraum entstellten Form
in der Analyse erneut zum Vorschein, sodass sich
für ihn eine zweite Chance auftat, das Trauma zu
bewältigen.
Lacan sah in dem
missglückten, in die Krankheit führenden
Verarbeitungsversuch im Alter von vier Jahren
und der späteren Wiederholung dieses Versuchs
auf der Couch Momente, in denen die „Kontingenz
des Vergangenen“ (der unglückliche Zufall, dass
der Anderthalbjährige seinen Eltern beim Sex
zugesehen hatte; das Naturell seiner Schwester,
die ihn, als er drei Jahre alt war, in sexuelle
Spiele eingeführt hatte usw.) nachträglich neu
geordnet wurde und den Sinn einer „zukünftigen
Notwendigkeit“ erhielt. Forrester hat darauf
hingewiesen, dass sich Lacan des Konzepts der
Nachträglichkeit bediente, um seine Kritik an
einer entwicklungspsychologischen Lesart der
Psychoanalyse zu entfalten. „DiePsychoanalyse
arbeitet rückwärts – das ist eine einfache
Zusammenfassung der Bedeutung, die Lacan dem
Konzept der Nachträglichkeit gibt und es ist
dieses grundlegende Prinzip, auf dem eine ganze
Kritik des in der Psychoanalyse so verbreiteten
entwicklungspsychologischen Denkens [
developmentalism]
aufbaut“.6 Er zitiert dazu Lacan, der in seinem
Seminar 1957 erklärte, dass es nicht darum
ginge, eine Aufeinanderfolge von
Entwicklungsstadien zurückzuverfolgen, sondern
zu verstehen, wie bereits eingenommene
Positionen retrospektiv reorganisiert würden.
1964 behauptete er sogar, dass sich die
Entwicklung „ganz und gar dem Vorfall, dem
Anstoß der Tyche [des glücklichen oder
unglücklichen Zufalls] verdankt“.7 Mit
dieser Betonung
der Kontingenz ging Lacan über Freuds
vorsichtigere Einschätzung hinaus.
Die Ursachen für
den
Untergang des Ödipuskomplexes (1924) sah
Freud sowohl in den „vorfallenden schmerzhaften
Enttäuschungen“ der Inzestwünsche, d.h. in
„regelmäßig wiederkehrende[n]“, aber dennoch
akzidentellen Geschehnissen als auch in der
Vererbung. „Wenn der Ödipuskomplex auch von den
meisten Menschenkindern individuell durchlebt
wird, so ist er doch ein durch die Heredität
bestimmtes, von ihr angelegtes Phänomen, welches
programmgemäß vergehen muß, wenn die nächste
vorherbestimmte Entwicklungsphase einsetzt.“ Für
Freud ging es darum, „wie dies mitgebrachte
Programm ausgeführt wird, in welcher Weise
zufällige Schädlichkeiten die Disposition
ausnützen.“8
Lacans
Behauptung, „daß die Originalität der
Psychoanalyse gerade darin besteht, daß sie die
psychologische Ontogenese nicht auf angebliche
Stadien zentriert – die buchstäblich
keinerlei Fundament in der Entwicklung haben,
die mit biologischen Begriffen zu erfassen
wäre“,9 ist also auch als Kritik an Freud zu
verstehen. Um aber seine immer wieder zur Schau
getragene freudianische Orthodoxie nicht in
Zweifel zu stellen, kritisierte Lacan an Stelle
Freuds andere, zum Beispiel Balint, der
ebenfalls Anleihen bei der Biologie gemacht
hatte, als er die Stadien der Triebentwicklung
im Sinne von Ernst Haeckels Biogenetischem
Grundgesetz als Wiederholung der Phylogenese
gedeutet hatte. Lacan machte klar, dass in den
Triebstadien keine Naturtatsachen zu sehen sind,
sondern „historische“, d.h. symbolisch
vermittelte Phänomene, die „rein in der
Intersubjektivität gegründet“ sind.10 Es muss
allerdings auch gesagt werden, dass Lacans
Betonung zufälliger Faktoren gegenüber genetisch
festgelegten Entwicklungsprogrammen insofern im
Einklang mit dem Geist des Freudschen Projektes
stand, als dass Freud in einem von Forrester
zitierten Brief geschrieben hatte, dass die
analytische Arbeit sich mehr auf die
akzidentellen Einflüsse konzentrieren müsse als
auf konstitutionelle Faktoren, da die
Psychoanalytiker über letztere ebenso wenig
wüßten wie Nichtanalytiker.11
Forrester fasst Lacans Kritik an der
Entwicklungspsychologie folgendermaßen zusammen:
„Wenigstens zwei Eigenarten des
entwicklungspsychologischen
Denkens waren in
Lacans Augen psychoanalytischen
Erklärungsmodellen abträglich. Erstens die Idee
einer über die Zeit kontinuierlichen
Veränderung, eines Prozesses. Es ist unmöglich,
einen Prozess verständlich zu machen, ohne auf
eine falsche Teleologie zurückzugreifen – daher
die Normativität jener psychoanalytischen
Theorien, die sich als
entwicklungspsychologische darstellen. Zweitens
ist da die Idee, dass diese Veränderungen
im voraus
erkannt werden können, dass sie vorherbestimmt
sind (und somit stoßen wir ein weiteres Mal auf
eine normative Version der Psychoanalyse).“12
Was
mit der Entwicklungspsychologie zurückgewiesen
wurde, war also ihr normatives Moment, welches
eine bestimmte Entwicklung der Individuen als
naturgemäß, normal oder gesund auszeichnet, und
davon abweichende Verläufe pathologisiert. Hier
zeigt sich, dass Lacan die schon von Freud
konstatierte Aufweichung der Unterscheidung
zwischen Gesundheit und Krankheit noch weiter
vorantrieb.13
Lacan stellte
einer am Modell biologischer Reifungsprozesse
konzipierten Entwicklungspsychologie eine
Analyse der Geschichte des Subjekts entgegen,
die sich an dessen Symbolisierungen kontingenter
Ereignisse orientierte. Der Verlauf eines Lebens
wird bestimmt durch das, was einem Menschen
zustößt, und durch die Art und Weise, wie diese
Erlebnisse in sein symbolisches Universum
aufgenommen werden bzw. ob überhaupt. Es geht
also darum, wie sie vom Subjekt verarbeitet
werden. Deshalb kritisierte Lacan Freud dafür,
im Falle des Wolfsmanns nach einer
subjektunabhängigen (in Heideggers Terminologie
: „vulgären“) Zeit des traumatischen Ereignisses
gesucht zu haben, ohne die Zeiträume genügend zu
beachten, während derer sich die
Umstrukturierungen des Subjekts im Verborgenen
vollzogen hatten: „Freud fordert einen
vollkommen objektiven Beweis, soweit es sich
darum handelt, die Urszene zu datieren, aber er
setzt ohne weiteres alle Wiederbelebungen des
Eindrucks dieses Ereignisses voraus, die ihm
nötig erscheinen, um dessen Wirkung an jedem der
Wendepunkte zu erklären, an denen das Subjekt
sich umstrukturiert.
Es handelt sich
dabei um ebenso viele Umstrukturierungen des
Ereignisses, die sich, wie er sagt,
nachträglich vollziehen. Darüber hinaus
erklärt er mit einer Kühnheit,
die an
Dreistigkeit grenzt, es sei legitim, in der
Analyse psychischer Prozesse die Zeitphasen
auszulassen, in denen ein Ereignis im Subjekt
latent bleibt. Das heißt, er setzt sich über die
Zeiten
des Verstehens
hinweg zugunsten der Augenblicke des
Schließens, die das Nachdenken des Subjekts
über eine Entscheidung des Sinns jenes
ursprünglichen Ereignisses beschleunigen.“14
Die
Zeiten des Verstehens, die Freud im Falle des
Wolfsmanns so sträflich vernachlässigt haben
sollte, standen, so meinte Lacan, im
Zusammenhang mit dem Durcharbeiten. Wenn er
immer wieder betonte, dass das Subjekt bzw. das
Unbewusste Zeit bräuchte, um die ihm eigene
Wahrheit ans Licht zu bringen und zu bewältigen,
so trug er der Tatsache Rechnung, dass
Fortschritte nur „auf dem Weg einer hartnäckigen
Wiederholung“ zu erzielen sind.15 Wenn Lacans
Praxis der Kurzsitzungen auch den Eindruck
erweckt haben mag, dass er ebenfalls eher auf
schnelle Schlüsse drängte, so dürfte sein Umgang
mit der Gesamtdauer der Analysen dazu dienen,
dieses Bild zu korrigieren: Die Kuren
erstreckten sich im allgemeinen über
verhältnismäßig lange Zeiträume. Schneiderman
schätzt, dass eine Lehranalyse bei Lacan im
Durchschnitt sieben bis neun Jahre dauerte.16
Am Ende einer
jeden Phase des
working through bedarf es jedoch eines
Moments des
Schließens, der
dafür sorgt, dass die Resultate dieser Arbeit
zuletzt zu einem neuen Ganzen zusammengefügt
werden. Bemerkenswert an Lacans Konzeption ist,
dass er das Modell der logischen Zeit nicht nur
auf das Geschehen innerhalb der Sitzungen und
auf Analysen in ihrer Ganzheit anwandte, sondern
das gesamte Leben des Subjekts auf diese Art
strukturiert sah.
Die Analyse
erscheint aus dieser Vogelperspektive selbst als
ein Moment des Schließens. Aber auch die Bildung
des Symptoms ist eine Weise, Resümee zu ziehen,
selbst wenn es sich dabei um eine misslungene
Zusammenschau handelt, in der gerade das
Wichtigste ausgelassen, d.h. verdrängt worden
ist. Lacan verstand den Zeitpunkt des berühmten
Traums, den der Wolfsmann kurz vor seinem
vierten Geburtstag gehabt hatte und von dem an
sich seine Angstneurose verbunden mit einer
Tierphobie zu entwickeln begann, als einen
Augenblick des Schließens: „Deshalb ist
zumindest an diesem Datum diese
infantile Neurose
genau
dasselbe wie eine Psychoanalyse. Sie spielt
dieselbe Rolle wie eine Psychoanalyse, das heißt
sie vollendet die Reintegration der
Vergangenheit“. Die Entscheidung, die das Kind
in diesem Moment unbewusst traf, verlieh dem
bereits zweieinhalb Jahre zuvor beobachteten
Koitus seiner Eltern retroaktiv einen
traumatischen Stellenwert, sodass davon im
Nachhinein die Urverdrängung ausging. „Das
Trauma, sofern von ihm eine Verdrängungshandlung
ausgeht, tritt
nachträglich ein. In diesem Augenblick löst
sich vom Subjekt in der symbolischen Welt, die
es zu integrieren im Begriff ist, etwas ab.
Fortan wird das ein nicht mehr zum Subjekt
Gehöriges sein. Das Subjekt wird es nicht mehr
aussprechen, es nicht mehr integrieren.
Nichtsdestoweniger wird es da, irgendwo,
bleiben, gesprochen, wenn man so sagen kann, von
etwas, worüber das Subjekt keine Herrschaft
ausüben kann. Das wird der erste Kern dessen
sein, was man in der Folge seine Symptome nennen
wird.“17
Die
Analyse dient dazu, das unglückliche Ergebnis
dieses Prozesses zu revidieren, indem man das
Resultat der vorangegangenen Integrationen
„seziert“, nicht mit dem Messer, sondern mit
Begriffen, wie Lacan sagte,18 um das Verdrängte
freizulegen und die Möglichkeit zu schaffen, die
auseinandergelegten Elemente (d.h. die
Signifikanten) wieder zu einer neuen Ordnung
zusammenzusetzen. Als Korrektiv soll die Kur zum
Wendepunkt in der Geschichte des Subjekts
werden.
Lacans Wende zum Realen und die
Atomisierung der Zeitlichkeit
Kann man aber in
Anbetracht der Annahme einer ständigen
Umschreibung des Selbst, eines permanenten
Revisionismus der eigenen Biografie, wie ihn die
lacansche Psychoanalyse anstrebte, überhaupt
noch von einer „Wahrheit“ des Subjekts sprechen?
Worauf bezieht sich ein „wahres Sprechen“, das
seinen Gegenstand, das Leben des Analysanden,
verändert, kaum dass es darauf Bezug genommen
hat? Impliziert das Konzept der Nachträglichkeit
nicht einen radikalen Konstruktivismus, der
keine Referenz auf der Sprache vorgängige
Gegebenheiten zulässt? So sieht es aus, solange
man das dritte von Lacan postulierte Register,
das Reale, außen vor lässt. Aber gerade dieses
Register wurde für ihn im Laufe seiner Arbeit
immer wichtiger und nahm schließlich im Spätwerk
gegenüber dem Symbolischen und dem Imaginären
eine beinahe privilegierte Stellung ein.
Obwohl Lacan seit
1953 von der Triade des Imaginären, des
Symbolischen und des Realen sprach, kam der
dritten Dimension während der fünfziger Jahre in
Lacans Arbeiten nur eine untergeordnete
Bedeutung zu. Diese Zeit war vor allen Dingen
durch eine Lektüre Freuds vor dem Hintergrund
der strukturalistischen Linguistik geprägt.
Lacans Interesse galt primär der Sprache und das
Reale als deren anderes trat nur am Rande auf.
Als das bloß Nichtsprachliche, als rohe,
prädiskursive Materialität schien es für eine
Theorie der
talking cure
nicht weiter von Belang zu sein. Er rückte es in
die Nähe eines biologischen Substrats des
Subjekts, wenn er es als strukturiertes
„Gegebenes“ charakterisierte, welches das
Subjekt durch seine „stofflichen Metabolismen“
determiniert (im Gegensatz zur Determination
durch den „universalen Diskurs“). Von den Tieren
unterschiede den Menschen, dass sein Wesen „über
das Reale hinaus[geht], das ihm biologisch
natürlich ist."19
Die
wenig prominente Rolle
dieses Realen in
Lacans theoretischem Werk der fünfziger Jahre
dürfte auch darauf zurückzuführen sein, dass er
zu dieser Zeit damit beschäftigt war, die
Psychoanalyse gegen den Organizismus in der
Psychiatrie stark zu machen und innerhalb seiner
eigenen Zunft einen von seinem biologistischen
Erbe befreiten Freudianismus zu etablieren
versuchte. Als Hauptschauplatz der
psychoanalytischen Behandlung sah er die
Grenzregion zwischen dem Imaginären und dem
Symbolischen.
Jedoch war das
Reale auch schon Mitte der fünfziger Jahre mehr
als ein rein stoffliches Korrelat des Subjekts
und seiner Welt. Lacan verwendete den Begriff
1955 auf zweierlei Weise. Wenn er behauptete,
„daß wir kein anderes Mittel haben, dieses Reale
aufzufassen – auf allen Ebenen und nicht nur auf
der der Erkenntnis -, als durch Vermittlung des
Symbolischen“, so bezog er sich auf eine
materielle Realität, über die sich durchaus
reden lässt, die
an sich in seinen Augen aber nicht
sonderlich interessant war.
Für
den Analytiker
wurde das Reale
erst durch seine Übersetzung ins Symbolische
bedeutsam, als eine „immense Botschaft, in der
das gesamte Reale nach und nach umgesetzt, neu
erschaffen, umgearbeitet wird.“ Das so gebildete
symbolische Konterfei ist dann für retroaktive
Manipulationen offen.
Auf der anderen
Seite sprach Lacan aber auch bereits von einem
„Realen ohne jede mögliche Vermittlung, des
letzten Realen, des wesentlichen Objekts, das
kein Objekt mehr ist, sondern jenes Etwas,
angesichts dessen alle Worte aufhören und
sämtliche Kategorien scheitern, das Angstobjekt
par excellence.“20
Als ein solches Unfassbares, amorph und
bedrohlich, eigentlich eher ein Sur-Reales,21
sollte das Reale ab den sechziger Jahren für
Lacans Konzept
des Unbewussten
zentral werden.
Freud hatte den Begriff der „psychischen
Realität“ eingeführt und hatte die „Ersetzung
der äußeren Realität durch die psychische“
zu einem Charakteristikum des Unbewussten
gemacht.22
Er
gebrauchte diesen Terminus, nachdem er sich von
der Verführungstheorie verabschiedet hatte, weil
er zu dem Schluss gekommen war, dass „seelische
Produktionen“ wie Wünsche, Fantasien oder
fingierte Kindheitserinnerungen ebenso konkrete
Wirkungen auf den Menschen entfalten können wie
die „äußere Wirklichkeit“: „Auch sie [die
seelischen Produktionen] besitzen eine Art von
Realität; es bleibt eine Tatsache, daß der
Kranke sich solche Phantasien geschaffen hat,
und diese Tatsache hat kaum geringere Bedeutung
für seine Neurose, als wenn er den Inhalt dieser
Phantasien wirklich erlebt hätte. Die Phantasien
besitzen psychische Realität im Gegensatz
zur materiellen, und wir lernen
allmählich verstehen, daß in der Welt der
Neurosen die psychische Realität die maßgebende
ist.“23
Aber
Lacans Reales ist
mit der psychischen Realität Freuds nicht
gleichzusetzen. Diese gehörte in seinen Augen
vielmehr dem Symbolischen an. 1955 wies er im
Seminar darauf hin, dass „es die symbolische
Ordnung ist, die die ganze Realität dessen
einführt, worum es sich dreht.
Ebenso sind die
Bilder unseres Subjekts eingepolstert im Text
seiner Geschichte, sie sind einbezogen in die
symbolische Ordnung [...] So früh wie möglich,
sogar noch vor der Fixierung des eigenen Bildes
des Subjekts, vor dem ersten strukturierenden
Bild des Ich, wirddie symbolische Beziehung
konstituiert, die die Dimension des Subjekts in
die Welt einführt, fähig eine andere Realität zu
schaffen als die, die sich als die rohe Realität
darstellt, als das Zusammenstoßen zweier Massen,
das Aufeinanderprallen zweier Kugeln.“24
Derstrukturalistische Lacan der fünfziger Jahre
war überzeugt, dass die symbolisch geordnete
psychische Realität artikulierbar und
integrierbar ist. „Das Unbewußte ist das Kapitel
meiner Geschichte, das weiß geblieben ist oder
besetzt gehalten wird von einer Lüge. Es ist das
zensierte Kapitel. Doch seine Wahrheit kann
wiedergefunden werden. Zumeist steht sie schon
anderswo geschrieben“.25
Ziel
der Analyse war es, das sprachanalog
strukturierte Unbewusste qua Diskurs des
anderen, diese „stumme“, aber „anderswo schon
geschriebene“ symbolische Ordnung zu
mobilisieren, d.h. zum Sprechen zu bringen, umso
ihre Anerkennung zu ermöglichen. Das Reale als
das, „was der Symbolisierung absolut
widersteht“, war zu dieser Zeit für Lacan nicht
von Belang, weil er überzeugt war, dass „die
Psychoanalyse im Freudschen Sinne [...] nicht
das Unsagbare sucht, sondern den Sinn“.26
Das änderte sich
in den sechziger Jahren mit der Wende zum
Realen. Die psychische Realität erschien nun als
Fantasma, das „einen Schirm darstellt, dessen
Funktion es ist, ein absolut Erstes, in der
Funktion der Wiederholung Determinierendes jedem
Zugriff zu entziehen."
27
Jenes „absolut Erste“, das von der psychischen
Realität verborgen wird, ist das Reale, in dem
Lacan jetzt den Gegenstand der Urverdrängung
sah. Die Urverdrängung stellt eine Art
Gründungsakt des Unbewussten und damit des
Subjekts als solchem dar: das Reale ist das
erste, was verdrängt wird und fungiert fortan
als Kristallisationspunkt für alle weiteren
Verdrängungen und damit für die Bildung des
Unbewussten insgesamt (Freud sprach in diesem
Zusammenhang vom „Nachdrängen“ der
„eigentlichen“, d.h. späteren Verdrängungen28).
Die Spur dieser originären Verdrängung, d.h. der
„Kern“, um den herum das Subjekt und seine
psychische Realität organisiert sind und dem es
als Subjekt unterworfen ist, bezeichnete Lacan
als den „Ursignifikanten“.29
Er
charakterisierte ihn 1964 als unsinnig und
traumatisch und beabsichtigte mit seinen
analytischen Bemühungen an dieses sinnlose
Zentrum des Unbewussten heranzukommen. Die
Bedeutung war für ihn nur noch Mittel zum Zweck.
Sie sollte bloß die Richtung weisen zu jenem auf
keinerlei Signifikat reduzierbaren
Signifikanten. Der Analytiker gibt eine Deutung
der Worte seines Analysanden, um „im Subjekt,
wie Freud sagt, einen Kern von
non-sense zu isolieren“. „Die Deutung ist
nicht für
jeden Sinn offen.
Sie ist auch nicht beliebig. Sie ist bedeutende
Deutung, die nicht verfehlt werden soll.
Trotzdem ist diese Deutung nicht das Wesentliche
für die Ankunft des Subjekts.
Das Wesentliche
ist, daß das Subjekt über diese Bedeutung hinaus
sieht, welchem Signifikanten – Un-sinn,
irreduzibel, traumatisch – es als Subjekt
unterworfen, assujettiert ist.“ Der Prozess der
Analyse sei ein „Fortschreiten der bedeutenden
Deutung auf den signifikanten Un-sinn hin“.30
1972
lehrte Lacan die Teilnehmer seines Seminars,
dass man mit der Aufforderung zur freien
Assoziation den Analysanden nicht anhalte,
„alles zu sagen – man kann nicht alles sagen –
sondern Blödheiten zu sagen, darauf kommt es an.
“ Denn soschafft man die Möglichkeit, dass „ein
gewisses Reales berührt werden kann.“ Mit dem
Realen in Kontakt zu treten, wurde zum Ziel von
Lacans Analyse. „Keine Praxis ist mehr auf jenen
Kern des Realen hin orientiert, der das Zentrum
der psychoanalytischen Erfahrung ausmacht. [...]
[E]s geht um ein Rendez-vous mit dem Realen, zu
dem wir stets gerufen sind, das sich jedoch
entzieht.“31
Das Geheimnis des
Subjekts verschob sich von jener Formel, die
einer stummen, aber grundsätzlich
artikulierbaren symbolischen Ordnung zugehörte,
zu der undifferenzierten, formlosen Masse des
Realen. In diesem „Geheimnis des sprechenden
Körpers“ sah Lacan jetzt das „Geheimnis des
Unbewußten“ schlechthin:
32
ein Unsagbares, das hinter allem Sagen steht. In
dem Maße, in dem er sein Unterfangen einer
Formalisierung des Unbewussten vorangetrieben
hatte, war gleichzeitig ein nicht
formalisierbarer Rest hervorgetreten, etwas, das
sich nicht in Worte fassen lässt, dem ganz
ähnlich, worauf Ludwig Wittgenstein am Ende
seines Tractatus logico-philosophicus
gestoßen war, als
er geschrieben hatte: „Wovon man nicht sprechen
kann, darüber muß man schweigen“ (mit dem
entscheidenden Unterschied, dass Lacan gerade
versuchte, seine Patienten zum Sprechen über
dieses Unsagbare anzuleiten). Im Innersten der
Psychoanalyse war eine mystische Erfahrung
aufgetaucht, die dem Projekt der
Verwissenschaftlichung der Seele, aus dem die
Analyse im ausgehenden
19.
Jahrhundert
hervorgegangen war, durch und durch fremd war.
Rückblickend stellte Lacan 1973 seine sieben
Jahre zuvor erschienenen
Schriften [Écrits] in eine Tradition
christlicher Mystik, zu der er etwa Angelus
Silesius oder Hadewych von Antwerpen zählten. Er
kritisierte nun die Begründer der
Gedächtniswissenschaften, weil sie die Absicht
gehabt hatten, das Unergründliche der
menschlichen Erfahrung zu banalisieren: „Was
versucht wurde am Ende des letzten Jahrhunderts,
zur Zeit Freuds, was sie suchten, all die guten
Leute in der Umgebung Charcots und der anderen,
das war, zurückzuführen die Mystik auf
Fickgeschichten. Wenn sie da nahe hinschauen,
ist es das ganz und gar nicht.“33
Lacan nutzte
seine Konzeption eines unaussprechlichen, sich
stets entziehenden Realen aber zugleich, um
einen der zentralen Begriffe der
Gedächtniswissenschaften umzuarbeiten: den des
Traumas. Er beschrieb es als eine zufällig
stattgehabte, jedoch jedes Individuum
betreffende Begegnung mit dem Realen, als einen
Zusammenstoß, auf den das Subjekt in keinster
Weise vorbereitet ist, sodass die Begegnung
verpatzt wird. Ein wesentlicher Teil des Realen
bleibt in den „Netzen des Lustprinzips“ hängen,
ohne assimiliert werden zu können und bestimmt
von diesem Moment an die Zukunft des Subjekts.
Lacans Ausführungen zum Trauma als verfehlter
Begegnung mit dem Realen, als einer „auf immer
verpaßten Gelegenheit“, basierten auf Freuds
Jenseits des Lustprinzips.34
Das
Reale sollte
jetzt jener
quälende Rest sein, der die Ökonomie der Lust so
nachhaltig stört. Es trat bei Lacan an die
Stelle der unbewältigten exzessiven Erregungen,
die in Freuds Darstellung im psychischen Apparat
zirkulierten und für das Leiden seiner Patienten
verantwortlich waren. So wurde es zur Ursache
des Wiederholungszwangs. Freud hatte diesen
Terminus erfunden, um begreiflich zu machen,
warum Menschen auch unlustvolle und oft
angstbesetzte Erinnerungen, Fantasien, Träume
usw. immer wieder reproduzieren oder – nur
scheinbar passiv – regelmäßig in ähnliche
leidvolle Situationen geraten, sodass es den
Anschein bekommt, als sei es ihr Schicksal,
betrogen zu werden, Undank zu erfahren etc.
Lacan erklärte diese Phänomene nun als Versuche,
die Begegnung mit dem Realen zu wiederholen, um
siezu einem glücklicheren Ausgang zu führen.
Um das Verhältnis
des Realen zum Symbolischen und zu dem darin
wirksamen Wiederholungszwang zu erhellen,
entnahm er Aristoteles‘
Physik die Begriffe tyche
und
automaton
und
definierte dabei tyche als „Begegnung mit
dem Realen“ und automaton als
„Signifikantennetz“, als „Wiederkehr“ und
„Insistieren der Zeichen“.35
Tyche
ist
das Unglück, das einen Menschen ganz zufällig
trifft. Von dem Moment an, in dem dieses
kontingente Ereignis in einen Signifikanten
übersetzt wird, ist jedoch nichts mehr zufällig:
im automaton, in der Maschinerie des
Symbolischen, wird jener zwischen dem Räderwerk
hängengebliebene Rest des Realen darauf drängen,
wieder zu Tage zu treten, um endlich bewältigt
werden zu können. Seine Wiederkehr erscheint
meistens ganz zufällig, wie durch einen Unfall.
Aber tatsächlich bedient sich das Reale der
Realität als eines Mediums: „vermittels
der Realität
wiederholt“ sich
etwas, „das insgesamt noch fataler ist“ als
diese selbst. Die symbolische Produktion wird
sich fortan permanent um diese Hyperrealität
drehen, versuchen die Wahrheit über sie zum
Ausdruck zu bringen und sie so einzufangen, um
ihr die traumatische Kraft zu nehmen. Lacan
erinnerte daran, dass schon Freud darauf
hingewiesen habe, „daß sichnichts erfassen,
zerstören, verbrennen läßt, wenn nicht in
symbolischer Form, wie man sagt,
in effigie, in
absentia.“36
Nach der
tatsächlich ganz und gar kontingenten,
unvorhersehbaren und traumatischen Begegnung mit
dem Realen hat sich um die Spur dieses
Ereignisses herum eine symbolisch vermittelte
psychische Realität gebildet, in der die Zukunft
bereits festgelegt zu sein scheint: unter dem
Wiederholungszwang wird das Subjekt immer wieder
die gleichen Erfahrungen machen müssen, auch
wenn diese wie zufällig erscheinen. Die
Erlebnisse in der Zeit werden von der zeitlosen
Ordnung des Symbolischen bestimmt. „Wenn das
Subjekt Subjekt des Signifikanten ist –
determiniert ist vom Signifikanten – dann kann
man sich vorstellen, wie in der Diachronie in
erster Linie ein synchrones Netz wirkt.“
37
Der
Lacan der fünfziger Jahre wollte, dass durch die
Antizipation von Gewissheit diese stumme Ordnung
zur Sprache gebracht würde, um sie erkennen und
anerkennen zu können. Wenn es in den siebziger
Jahren zu seinem Ziel geworden war, in der
Analyse an den Rest des Realen, um den herum
sich das Symbolische organisiert hat, zu rühren,
dann strebte er ein Ereignis an, das nicht
antizipierbar ist. Das Reale liegt jenseits des
symbolischen logos und die Begegnung mit
ihm kann nicht in einer „logischen Zeit“, die
Antizipationen zulässt, stattfinden. Es geht
darum, das zur Wiederholung des immer Gleichen
nötigende Signifikantennetz zu zerschlagen und
etwas möglich zu machen, das in der symbolischen
Ordnung nicht vorgesehen war. Wenn im „wahren
Sprechen“ das Reale gestreift wird, dann geht
von diesem archimedischen Berührungspunkt
schlagartig eine radikale Umstrukturierung des
gesamten soziosymbolischen Feldes aus: die
Erneuerung der Vergangenheit, der
zwischenmenschlichen Beziehungen usw. ermöglicht
eine Zukunft, die offen ist für Erfahrungen, wie
sie für das Subjekt vorher nicht vorstellbar
waren.38
Mit der Wende zum
Realen tritt nach der zyklischen und der
linearen Form von Zeitlichkeit ein dritter Modus
von Temporalität in den Vordergrund: der
kairos, das Jetzt, das Plötzliche, der
günstige Augenblick bzw. das Verfehlen dieser
Gelegenheit. Die verzeitlichte Subjektivität
erlebt einen Zerfall in blitzartige Momente.
Trotz Lacans ursprünglicher Ablehnung des
Cartesianismus39
und obwohl seine Temporalisierung der
Subjektivität von Heidegger inspiriert war und
Heidegger alles daran gesetzt hatte, den
modernen Subjektbegriff zu desavouieren, hielt
Lacan an eben diesem Begriff des Subjekts fest.
Bereits im Sophisma der logischen Zeit erwächst
der entscheidende Impuls aus dem
Zusammenschnellen eines engagierten „Daseins“
auf einen Punkt weltfremder und
exzessiverSubjektivität. Aus dieser maximalen
Kontraktion heraus wagt das Subjekt den nicht
hinreichend begründbaren, letztlich irrationalen
Sprung von der subjektiven in die objektive
Zeitlichkeit, ohne den Erfolg seines Handelns
schon vorhersehen zu können. Bereits in diesem
frühen Text erweist sich Lacans Subjekt des
Unbewussten als ebenso punktförmig und
transzendental wie das Subjekt Descartes‘.
Ähnlich wie dieses seine irreduzible
Transzendenz gegenüber einer mechanisierten Welt
behauptet, der auch der menschliche Körper
angehört, nimmt auch das lacansche Subjekt der
Psychoanalyse eine Position radikaler
Äußerlichkeit ein, die es selbst gegenüber der
virtuellen Maschinerie des Symbolischen
aufrechterhält. Aber im Unterschied zu seinem
Cartesianischen Ahnen ist es zu keinerlei
Selbstbewusstsein fähig („Dort wo ich bin, denke
ich nicht, und dort wo ich denke, bin ich nicht“40)
und es ist nicht nur im Raum punktförmig,
sondern auch in der Zeit.41
Strenggenommen existiert es immer nur für
infinitesimal kurze Momente und zwar stets in
den Augenblicken, in denen die Zweifel plötzlich
in Gewissheit umschlagen. 1964 erklärte Lacan
den Hörern seines Seminars, „daß wir mit dem
Terminus ‚Subjekt‘ [...] nicht das lebendige für
die subjektive Erscheinung erforderliche
Substrat meinen, auch nicht irgendwelche
Substanz, oder ein Sein der Erkenntnis in
Pathie, zweiter oder ursprünglicher, nicht
einmal den Logos, der irgendwo Fleisch würde,
sondern das cartesische Subjekt, das in dem
Augenblick erscheint, wo der Zweifel sich als
Gewißheit erkennt.“42
Indem die Gewissheit zur Entscheidung führt und
sich im Akt bzw. in der Äußerung in der Welt
manifestiert und diese signifikant und
irreversibel verändert, kommt es zu einer
Objektivierung, in der das Subjekt als solches
verschwindet - um zu einem anderen Zeitpunkt, in
einer ähnlich unentscheidbaren Situation wieder
aufzutauchen. Es „pulsiert“, wie Lacan sagte.43
Es
ist dieses so fragile, flüchtige und für die
Konsequenzen
seines Handelns blinde Subjekt, das in seinen
Augen den archimedischen Punkt darstellte, von
dem aus sich die Welt aus den Angeln heben
lässt.
Marie-Magdeleine
Chatel hat in ihrem Aufsatz
L’acte de ponctuation ou le temps de la coupure
– «Des séances courtes»
einen Zusammenhang hergestellt zwischen diesen
theoretischen Neuerungen im Spätwerk Lacans und
der parallel dazu von ihm vorangetriebenen
Radikalisierung der Kurzsitzungen. Obwohl Lacan
Ende der siebziger Jahre begann, sowohl
körperlich als auch geistig immer weiter
abzubauen (bei der Eröffnungssitzung seines
Seminars La topologie et le temps verlor
er 1978 vor dem gefüllten Saal stehend die
Sprache und auch in der Folge kam es immer
wieder zu kurzen Absencen und kognitiven
Ausfällen), setzte er seine analytische
Tätigkeit bis kurz vor seinem Tod in dem
rasanten Tempo seiner jüngeren Jahre fort.
Tatsächlich beschleunigte sich sein
Arbeitsrhythmus sogar noch weiter: in der Zeit
von 1970 bis 1980 sah er zehn Patienten pro
Stunde, acht Stunden am Tag, zwanzig Tage im
Monat, zehn Monate im Jahr.44
Elisabeth
Roudinesco
spricht von einer „phantastische[n] Auflösung
der Zeit der Sitzung. [...] Innerhalb weniger
Jahre formte er in der Tat mit bestimmten
Patienten die Kurzsitzung in eine
Nicht-Sitzung
um.“45
Chatel erkennt nun in diesen „eher punkthaften
als punktierten“ Sitzungen eine Wiederkehr der
Zeit in ihrer punktuellen Dimension, d.h. in der
Dimension des Aktes: die Zeit werde auf einen
reinen Schnitt reduziert. Während die von Lacan
in den fünfziger Jahren gegebene Beschreibung
seiner Sitzungsabbrüche als einer Form der
Zeichensetzung nahe legte, dass es sich dabei um
Operationen im Symbolischen handelte, weist
Chatel die Interpunktion [ponctuation]
dem Register des Realen zu.46
Die Frage der Abschließbarkeit
der Analyse und der nie zu tilgende Rest
Lacans
verstärktes Interesse am Realen und seine
Bemühungen, seine Patienten damit in Kontakt zu
bringen, führten ihn auch zu einer intensiveren
Beschäftigung mit einem Problem, auf das Freud
in seiner psychoanalytischen Praxis bereits sehr
früh gestoßen war.
Dieser hatte bald
bemerken müssen, dass ihm eine komplette Heilung
seiner Patienten so gut wie niemals gelang. In
einem Brief vom 16. April 1900 an seinen Freund
Fließ schrieb er: „E.hat endlich mit einer
Abendeinladung in meinem Hause seine Laufbahn
als Patient beschlossen. Sein Rätsel ist
fast ganz gelöst, sein Befinden
vortrefflich, Wesen ganz
verändert, von
den Symptomen ist derzeit ein Rest geblieben.
Ich fange an zu verstehen, daß die scheinbare
Endlosigkeit der Kur etwas Gesetzmäßiges ist und
an der Übertragung hängt.
Ich hoffe, daß
dieser Rest den praktischen Erfolg nicht
beeinträchtigen wird. Es lag nur an mir, die Kur
noch weiter fortzusetzen, aber mir ahnte, daß
dies ein Kompromiß zwischen Krank- und
Gesundsein ist, den sich die Kranken selbst
wünschen, auf den der Arzt darum nicht eingehen
soll. Der asymptotische Abschluß der Kur, mir im
Wesen gleichgiltig, ist immerhin eine
Enttäuschung mehr für die Außenstehenden. Ich
behalte den Mann übrigens im Auge...“
47
Freud hatte also wiederholt die Erfahrung
gemacht, dass es etwas an seinen Analysanden
gab, das der Analyse nicht zugänglich war. Nun
entspricht dieser nicht analysierbare Rest exakt
dem, was Lacan das Reale nannte. Während Freud
dieses Residuum aber für unerheblich gehalten
hatte, solange es das Wohlbefinden des Patienten
nicht beeinträchtigte, machte es der späte Lacan
zum Mittelpunkt seiner Analysen. Die Frage nach
der Einstellung gegenüber diesem Phänomen ist
deshalb von so großer praktischer Bedeutung,
weil sie nicht zu trennen ist von der Frage,
wann eine Behandlung zu Ende sein soll. Da die
Psychoanalyse die Unterscheidung zwischen dem
Normalen und dem Pathologischen von Anfang an
unterminiert und sich somit scharfer
Erfolgskriterien beraubt hat, ist ihr die
Beantwortung der Frage nach der Beendigung bzw.
Beendbarkeit der Kur stets schwer gefallen. Auch
wenn er es zunächst mit ärztlichem Gestus
beiseite geschoben hatte, beschäftigte dieses
Dilemma Freud doch bis ans Ende seines Lebens.
Fast vierzig Jahre nach jenem Brief an Fließ
veröffentlichte er 1937 als eine seiner letzten
Schriften den Aufsatz
Die
endliche und die unendliche Analyse.
Darin unterschied
Freud zwischen zwei Definitionen des Endes einer
Analyse, eine pragmatische und eine
idealistische. Praktisch gesehen ist eine Kur
demnach zu Ende, „wenn Analytiker und Patient
sich nicht mehr zur analytischen Arbeitsstunde
treffen. Sie werden so tun, wenn zwei
Bedingungen ungefähr erfüllt sind, die erste,
daß der Patient nicht mehr an seinen Symptomen
leidet und seine Ängste wie seine Hemmungen
überwunden hat, die zweite, daß der Analytiker
urteilt, es sei beim Kranken soviel Verdrängtes
bewußt gemacht, soviel Unverständliches
aufgeklärt, soviel innerer Widerstand besiegt
worden, daß man die Wiederholung der
betreffenden pathologischen Vorgänge nicht zu
befürchten braucht.“
Dieser
praktisch-ärztlichen stellte Freud eine zweite,
weitreichendere Definition zur Seite:„Die andere
Bedeutung des Endes der Analyse ist weit
ehrgeiziger. In ihrem Namen wird gefragt, ob man
die Beeinflussung des Patienten soweit getrieben
hat, daß eine Fortsetzung der Analyse keine
weitere Veränderung versprechen kann. Also als
ob man durch Analyse ein Niveau von absoluter
psychischer Normalität erreichen könnte, dem man
auch die Fähigkeit zutrauen dürfte, sich stabil
zu erhalten, etwa wenn es gelungen wäre, alle
vorgefallenen Verdrängungen aufzulösen und alle
Lücken der Erinnerung auszufüllen.“
48
Da in Freuds
Augen die Verdrängung Ergebnis eines Konflikts
zwischen Trieb und Ich war, sollten Erinnerung
und Verarbeitung von Traumen nur möglich sein,
wenn dieser Konflikt gelöst werden könnte. Die
Frage nach einer dauerhaften Heilung stellte
sich für Freud deshalb so: „[I]st es möglich,
einen Konflikt des Triebes mit dem Ich oder
einen pathogenen Triebanspruch an das Ich durch
analytische Therapie dauernd und endgültig zu
erledigen?“ Freud stellte klar, dass mit einer
„dauernden Erledigung eines Triebanspruchs“
nicht gemeint ist, dass der Trieb zum
Verschwinden gebracht werden soll (das sei weder
möglich noch wünschenswert), sondern dass eine
„‘Bändigung‘ des Triebes“ angestrebt werde.
„[D]as will heißen, daß der Trieb ganz in die
Harmonie des Ichs aufgenommen, allen
Beeinflussungen durch die anderen Strebungen im
Ich zugänglich ist, nicht mehr seine eigenen
Wege zur Befriedigung geht.“ Wesentlich für den
Erfolg solcher Bemühungen ist die Stärke des
Triebs, die teilweise auf kongenitale Faktoren
zurückführbar ist, aber auch von später im Leben
auftretenden physiologischen Faktoren
beeinflusst wird, z.B. durch das Einsetzen der
Pubertät oder der Menopause. Freud sah aber auch
akzidentelle Ursachen der Triebverstärkung:
„neue Traumen, aufgezwungene Versagungen,
kollaterale Beeinflussungen der Triebe
untereinander.“ Bei der Verdrängung handelt es
sich um eine Abwehrmaßnahme des Ichs gegen zu
stark werdende Triebe, die als gefährlich erlebt
werden. Dieser Schutzmechanismus wird in der
Entwicklung des Individuums früh erworben und
funktioniert später auf immer gleiche Weise.
„Alle Verdrängungen geschehen in früher
Kindheit; es sind primitive Abwehrmaßregeln des
unreifen, schwachen Ichs. In späteren Jahren
werden keine neuen Verdrängungen vollzogen, aber
die alten erhalten sich und ihre Dienste werden
vom Ich weiterhin zur Triebbeherrschung in
Anspruch genommen. Neue Konflikte werden, wie
wir es ausdrücken, durch ‚Nachverdrängung‘
erledigt.“ Freud hielt die Verdrängung und
andere Abwehrmechanismen durchaus für sinnvoll.
Ziel seiner Behandlungen war es nicht, sie alle
aufzuheben, sondern die Hydraulik des
psychischen Apparates dahingehend umzuarbeiten,
dass das Ich die Kontrolle zu bewahren vermag.
„Die Analyse aber läßt das gereifte und
erstarkte Ich eine Revision dieser alten
[frühkindlichen] Verdrängungen vornehmen; einige
werden abgetragen, andere anerkannt, aber aus
soliderem Material neu aufgebaut. Diese neuen
Dämme haben eine ganz andere Haltbarkeit als die
früheren; ihnen darf man zutrauen, daß sie den
Hochfluten der Triebsteigerung nicht so leicht
nachgeben werden.“ Abwehrmechanismen sind
demnach nur schädlich, wenn sie zum Selbstzweck
verkommen und, obwohl sie selbst dem Ich
angehören, schließlich durch eine „dauernde
Schwächung des Ichs den Ausbruch der Neurose
vorbereiten und begünstigen.“
49
Hier
zeichnet sich
bereits ab, dass Freud einen Zustand „absoluter
psychischer Normalität“, in dem alle
Verdrängungen aufgelöst und das Subjekt sich
völlig durchsichtig wäre, nicht anstrebte.
Es wäre auch
falsch, Freuds Diktum
Wo Es war, soll Ich werden als einseitige
Bevorzugung des
Ichs gegenüber dem Es auszulegen. Ich und Es
sind gleichermaßen an der Pathogenese der
Neurose beteiligt und müssen in der
psychoanalytischen Therapie deshalb auch beide
behandelt werden (zu dieser Einsicht kam
jedenfalls der späte Freud schließlich). „Unsere
therapeutische Bemühung pendelt während der
Behandlung beständig von einem Stückchen
Esanalyse zu einem Stückchen Ichanalyse. Im
einen Fall wollen wir etwas vom Es bewußt
machen, im anderen etwas am Ich korrigieren.“
Denn um das im Es Verborgene überhaupt bewusst
machen zu können, müssen auch die
Abwehrmechanismen oder Widerstände als
unbewusste und abgesonderte Anteile des Ichs
analysiert werden, um sie „durch Bewußtmachung
mit dem übrigen Ich in Beziehung zu bringen.“
Andernfalls gefährdet gerade das scheinbar
starke Ich den Erfolg der Therapie. „Die
entscheidende Gefahr ist nämlich, daß die
Abwehrmechanismen gegen einstige Gefahren in der
Kur als
Widerstände
gegen
die Heilung wiederkehren. Es läuft darauf
hinaus, daß die Heilung selbst vom Ich wieeine
neue Gefahr behandelt wird.“50
Was die Aussicht
auf einen dauerhaften Heilungserfolg angeht, war
Freud im Jahre 1937, nach rund fünfzigjähriger
Berufserfahrung, ernüchtert. Er stellte fest,
„die Analyse habe mit ihrem Anspruch, sie heile
Neurosen durch die Sicherung der
Triebbeherrschung, in der Theorie immer recht,
in der Praxis nicht immer.“ Die Bewusstmachung
der pathogenen Anteile des Unbewussten von Ich
und Es gelang meistens nur unvollständig: „Es
gibt fast immer Resterscheinungen, ein
partielles Zurückbleiben.“ Die Ursache der
häufigen Miss- und Teilerfolge
psychoanalytischer Behandlungen sah Freud in der
Konfrontation mit Triebstärken, denen die Mittel
der Analyse nicht gewachsen waren. „Bei
übergroßer Triebstärke mißlingt dem gereiften
und von der Analyse unterstützten Ich die
Aufgabe, ähnlich wie früher dem hilflosen Ich;
die Triebbeherrschung wird besser, aber sie
bleibt unvollkommen, weil die Umwandlung des
Abwehrmechanismus nur unvollständig ist.“
Trotzdem wehrte
sich Freud gegen die Behauptung, die Analyse sei
grundsätzlich unabschließbar. „Wie immer man
sich theoretisch zu dieser Frage stellen mag,
die Beendigung einer Analyse ist, meine ich,
eine Angelegenheit der Praxis. Jeder erfahrene
Analytiker wird sich an eine Reihe von Fällen
erinnern können, in denen er
rebus bene gestis
vom
Patienten dauernden Abschied genommen hat.“
51
Anders verhält es
sich hingegen mit der „Charakteranalyse“, in der
es um das Verständnis der eigenen Psyche geht
und nicht um die Therapie von Symptomen. Dieser
„unendlichen Aufgabe“ muss sich der
Psychoanalytiker stellen. Denn es hat „seinen
guten Sinn, wenn man vom Analytiker als Teil
seines Befähigungsnachweises ein höheres Maß von
seelischer Normalität und Korrektheit fordert;
dazu kommt noch, daß er auch eine gewisse
Überlegenheit benötigt, um auf den Patienten in
gewissen analytischen Situationen als Vorbild,
in anderen als Lehrer zu wirken.“ In diesem
Falle geht es also nicht um die
Wiederherstellung der Gesundheit, sondern um
eine moralisch-ethische Vervollkommnung des
Arztes. Zu diesem Zweck riet Freud jedem
Analytiker, sich ungefähr alle fünf Jahre selbst
wieder in Analyse zu begeben (was Freud jedoch
als der nicht analysierte Begründer und Urvater
der psychoanalytischen Bewegung selber niemals
tat). Aber er warnte auch bezüglich solcher
Charakteranalysen vor überzogenen Ansprüchen.
Sie kommen zwar zu keinem „natürlichen Ende“,
was aber nicht zum Anlass genommen werden
sollte, immer weiter einem unerreichbaren Ideal
nachzueifern, das in der Charakteranalyse leicht
an die Stelle der durchaus realisierbaren
relativen Symptomfreiheit der therapeutischen
Analyse treten könnte: „Man wird sich nicht zum
Ziel setzen, alle menschlichen Eigenschaften
zugunsten einer schematischen Normalität
abzuschleifen oder gar zu fordern, daß der
‚gründlich Analysierte‘ keine Leidenschaften
verspüren und keine inneren Konflikte entwickeln
dürfe. Die Analyse soll die für die Ichfunktion
günstigen psychologischen Bedingungen
herstellen; damit wäre ihre Aufgabe erledigt.“
52
Freud akzeptierte
also, dass seinem ambitionierterem Ziel, seine
Analysanden durch Auffüllung ihrer sämtlichen
Erinnerungslücken auf ein stabiles „Niveau von
absoluter psychischer Normalität“ zu bringen,
sodass „eine Fortsetzung der Analyse keine
weitere Veränderung versprechen kann“, in der
Praxis Grenzen gesetzt waren. Lacans Glaube an
einen nicht weiter analysierbaren Kern des
Subjekts, d.h. an das Reale, stand so weit mit
Freuds Erfahrung durchaus im Einklang. Aber
dieser irreduzible Rest nahm in Lacans
Gedankengebäude einen vollkommen anderen
Stellenwert ein. Das Streben nach einem „höheren
Maß von seelischer Normalität und Korrektheit“
war ihm nicht nur vollkommen fremd, er lehnte es
rundheraus ab, sah er doch darin eine Form von
gleichmacherischem
human engineering
,
das Menschen zu Objekten degradierte.
Sein
Ideal war Authentizität, nicht Normalität.
Allerdings zog er es vor, seine Attacken gegen
derartige Tendenzen in der Psychoanalyse gegen
die Ego Psychology, die „psychologische
Orthopädie“ seiner
angloamerikanischen Kollegen oder gegen die
gesamte IPA zu richten, statt diese Bestrebungen
auf ihre Ursprünge bei Freud zurückzuführen.
Jener unanalysierbare Rest fungierte in Lacans
individualistischem Unternehmen als Garant
dafür, dass jene absolute psychische Normalität,
von der aus keinerlei Veränderungen mehr zu
erwarten wären, niemals erreicht werden kann.
Ein solcher Zustand wäre in seinen Augen der
totalen Objektivierung gleichgekommen, da dem
Subjekt darin jegliche Offenheit gegenüber der
Zukunft verloren gegangen ist. Aufgrund seiner
deutlich von Freud abweichenden Vorstellung
davon, worum es in der Analyse geht, möchte ich
entgegen Lacans eigenen Beteuerungen in Abrede
stellen, dass er tatsächlich bis zum Schluss
Freudianer geblieben war.
Das Ziel der lacanschen
Psychoanalyse
Anfang der
fünfziger Jahre war Lacan in verschiedener
Hinsicht dem Freudschen Erbe noch treuer
gewesen, auch wenn sich vieles von dem, was im
Spätwerk zum Tragen kam, bereits sehr früh
abzuzeichnen begann. Zu dieser Zeit sah er das
Ziel der Kur noch primär in der Heilung, die er
als „Verwirklichung des Subjekts durch ein
Sprechen, das von woanders kommt und es
durchquert“,
53
definierte. Solange er das Geheimnis des
Subjekts im Symbolischen vermutete, glaubte er,
dass es grundsätzlich in Worte zu fassen sei,
dass die „anderswo schon geschriebene Wahrheit“
jenes „zensierten Kapitels“ ebenso
wiedergefunden werden könnte, wie es den
Gefangenen des Sophismas möglich ist, die Farben
der ihnen auf die Rücken gehefteten Scheiben zu
benennen. Das Subjekt sollte in der Analyse dazu
angeleitet werden, die Lücken in seiner
Geschichte aufzufüllen. 1953 sprach Lacan noch
zustimmend von „der Kontinuität der Anamnese, an
der Freud die Vollständigkeit einer Heilung
mißt“. Zwar machte er die Artikulation der
Erinnerung gegenüber dem Erinnern als rein
mentalem Prozess stark, aber er bewegte sich
doch weiterhin im Rahmen des
gedächtniswissenschaftlichen Paradigmas. Ähnlich
wie Freud war er davon überzeugt, dass es in der
Analyse um die „vollständige Rekonstitution der
Geschichte des Subjekts“ geht.54
Aber
schon fünf Jahre später hatte Lacan die
Überzeugung verloren, dass das Auffüllen von
Gedächtnislücken zur Heilung führte. „Man wird
nämlich nicht gesund, weil man sich erinnert.
Man erinnert sich, weil man gesund wird“,55 ließ
er die Teilnehmer des Kolloquiums von Royaumont
in seinem Vortrag
Die Ausrichtung
der Kur und die Prinzipien ihrer Macht
wissen. Je
weiter das Verhältnis des Subjekts zum Realen
als einem Unsagbaren in den Vordergrund trat,
desto klarer äußerte sich Lacans Ansicht, dass
eine „vollständige Rekonstitution“ jener
verborgenen Wahrheit des Subjekts niemals
gelingen würde, weil sich das Trauma niemals
gänzlich ins Symbolische überführen lässt und
insofern „sich nichts erfassen, zerstören,
verbrennen läßt, wenn nicht in symbolischer
Form", ist es auch nicht möglich, es wirklich zu
vergessen, d.h. es so aus dem Gedächtnis zu
streichen, dass es aufhört unter der Vielzahl
seiner Masken immer wiederzukehren.
Als Reales
entzieht es sich dem
Subjekt ein ums andere Mal, um es dann wieder
aufs Neue, aus unerwarteter Richtung zu
überraschen. 1964 stellte Lacan fest: „Die
Einkehr des Subjekts, das biographische
Eingedenken geht nur bis zu einer bestimmten
Grenze, die ich ‚das Reale‘ nenne. [...] Das
Reale wäre hier das, was stets an derselben
Stelle wiederkehrt – an der Stelle, wo das
Subjekt
als denkendes oder die
res cogitans ihm nicht begegnet.“56 Damit
kann das Subjekt seine
Wahrheit niemals im Sinne einer adaequatio
intellectus et rei erfassen, zumindest nicht
komplett. Lacan behauptete 1973, „daß alle
Wahrheit eben das ist, was sich nicht sagen
kann“
oder jedenfalls nur annähernd sagen lässt, und
dass es in der Psychoanalyse darum gehe, „eine
gemäße Wahrheit zu erhalten, nicht die Wahrheit,
die von sich vorgibt, die ganze zu sein,
sondern die des Halb-Sagens, die, die sich
bewahrheitet, in dem sie sich davor hütet, bis
zum
Geständnis zu gehen“.
57
Das Wort „Geständnis“ gebrauchte Lacan in diesem
Zusammenhang
ganz im Sinne Foucaults, der darunter ein
„Diskursritual, in dem das sprechende Subjekt
mit
dem Objekt der Aussage zusammenfällt“,
verstanden hat.
58
Die Unsagbarkeit des Realen ist
Bedingung genuiner Subjektivität und verhindert,
dass das Subjekt jemals in seiner Aussage
aufzugehen vermag: weil es im Menschen etwas
gibt, das dem Sprechen entwischt, wird
immer etwas ungesagt und damit offen bleiben.
Seine Wahrheit wird sich stets erst angedeutet
haben und noch erfüllen müssen. Mit seiner Wende
zum Realen gab Lacan Freuds
Wo
Es
war,
soll Ich werden
noch
einmal eine neue Deutung: „Das Subjekt aber ist
da, um sich
wiederzufinden da wo es [...] das Reale war.“59
Damit wurde die Heilung des Patienten zu
einem ausgesprochen fragwürdigen Ziel der
Analyse. Schon im Jahre 1960 wies Lacan seine
Schüler darauf hin: „Sich zum Garanten dafür zu
machen, daß das Subjekt auf irgendeine
Weise sein Wohl selbst in der Analyse finden
könne, ist eine Art Gaunerei.“
60
Wenn es in der Kur aber weder in erster Linie um
Heilung noch um Glück geht, wohin
soll sie dann führen? Lacan versuchte immer
wieder, diese Frage zu beantworten. Im
akademischen Jahr 1959/60 widmete er ihr sogar
ein ganzes Seminar, dem er den Titel
Die
Ethik der Psychoanalyse
[L’éthique
de la psychanalyse] gab. Diese
Lehrveranstaltung diente
jedoch nicht in erster Linie dazu, eine
Deontologie der analytischen Praxis, also eine
56 Lacan
(1978b), S.56 / S.49
57 Lacan
(1986), S.99 / S.85 bzw. S.101 / S.86
58
Foucault (1983), S.79
59 Lacan
(1978b), S.51 / S.45
60 Lacan
(1996), S.361 / S.350
Die Dauer der Kur und die
Sitzungsdauer
192
Medizinethik psychoanalytischer Psychotherapie
zu vermitteln. Stattdessen wollte Lacan die
Implikationen der Psychoanalyse für die Ethik
herausarbeiten. Für ihn ging es in der Kur um
eine „Moralerfahrung“, nämlich die des
Freudschen Imperativs
Wo Es war, soll Ich werden.61
Er hatte erkannt, dass Freuds Werk trotz seiner
wissenschaftlichen Ursprünge von Anfang an
in traditionelle Fragen der Ethik verstrickt
gewesen war. So war zum Beispiel das Problem
der Lust ein wesentlicher Aspekt jedes
moralphilosophischen Systems seit Aristoteles.
Freuds
Konzepte des Lustprinzips und des
Realitätsprinzips sollten also nicht auf rein
funktionale
Mechanismen des Seelenlebens reduziert werden.
Lacan erklärte deshalb, „daß der Gegensatz
von Lustprinzip und Realitätsprinzip, der
Gegensatz von Primärvorgang und
Sekundärvorgang weniger in die Ordnung der
Psychologie als in die Ordnung der eigentlich
ethischen Erfahrung gehört. Es gab bei Freud die
Wahrnehmung der eigentlichen Dimension,
in der sich das menschliche Handeln entfaltet,
und man sollte in dem scheinbaren Ideal
mechanistischer Reduktion, zu dem sich der
Entwurf [einer Psychologie] bekennt,
allein die
Kompensierung, das Widerspiel sehen zur
Freudschen Entdeckung der Tatsachen der
Neurose, die von Beginn an aufgefaßt ist in der
ethischen Dimension, in der sie sich
tatsächlich situieren läßt. Das zeigt sich uns
darin, daß der Konflikt in ihm im Vordergrund
steht und daß dieser Konflikt von Anfang an,
sagen wir, massiv moralischer Natur ist.“
62
Obwohl Freud bemüht gewesen war, sich von der
Philosophie fernzuhalten, hatte er es nicht
vermeiden können, immer wieder an Fragen der
Ethik zu stoßen. So beschrieb er
beispielsweise in
Die „kulturelle“ Sexualmoral und die moderne
Nervosität (1908) eine
fundamentale Spannung zwischen den moralischen
Ansprüchen, welche die Kultur an das
Geschlechtsleben des Menschen stellt, und seinen
von Natur aus amoralischen Sexualtrieben.
Wenn die Moral in diesem Konflikt die Oberhand
gewinnt und die Triebe sich als zu stark
erweisen, um sublimiert zu werden, so sollte
sich die Sexualität entweder in perverser Form
ausdrücken oder unterdrückt werden, was
schließlich, so glaubte Freud, zur Neurose
führen
musste. Er war also der Meinung, dass die
Wurzeln vieler Geisteskrankheiten in einer
repressiven Sexualmoral zu suchen seien.
63
Wenn Lacan nun in der Analyse eine
„Moralerfahrung“ sah, so lag ihm doch nichts
ferner, als seine Analysanden auf den Weg der
Läuterung zu bringen (auch wenn sein
Vokabular zum Teil stark christlich eingefärbt
war, sodass er mitunter vom Jüngsten Gericht
oder bezüglich der Analyse von der „Vergebung
durch das Wort“
64
sprach und so die
von
61 Lacan
(1996), S.14 / S.15f.
62 Lacan
(1996), S.46f. / S.45f.
63 Freud,
G.W., VII, S.143-167
64 Lacan
(1996), S.374 / S.362, Lacan (1973), S.120 /
S.279 und S.123 / S.281
Die Dauer der Kur und die
Sitzungsdauer
193
Foucault festgestellte Kontinuität zwischen der
Praxis der Beichte und der psychoanalytischen
Kur zu bekräftigen schien). Lacans Kehre zum
Realen war mit einem auf den ersten Blick
antinormativ erscheinenden Zug in seinem Denken
verbunden. 1959 sagte er: „Mehr als
einmal seit der Zeit, als ich vom Symbolischen
und vom Imaginären und von ihrer
wechselseitigen Interaktion sprach, haben sich
einige unter Ihnen gefragt, was letztlich das
Reale ist. Nun, seltsam für ein summarisches
Denken, das denken möchte, daß jegliche
Erforschung der Ethik sich auf den Bereich des
Ideals, wenn nicht gar des Irrealen beziehen
muß, werden wir ins Gegenteil, in die umgekehrte
Richtung gehen, in die Richtung einer
Vertiefung des Begriffs des Realen. Die ethische
Frage, insoweit uns die Position Freuds in
ihr einen Schritt voranbringt, läßt sich aus
einer Orientierung der Auszeichnung des
Menschen im Verhältnis zum Realen artikulieren."
65
Der Kern dieser Ethik des Realen, die
Lacan gegen die verschiedenen Spielarten des
Idealismus ins Feld führen wollte, war seine
Konzeption des Dings.
Diesen schillernden und nicht sehr scharf
umrissenen Begriff entnahm Lacan Freuds
Entwurf einer Psychologie
(er
gebrauchte das deutsche Wort, sprach aber auch
von la Chose).
Um klarer zu machen, was er damit meinte,
stellte er die von Freud verwendeten Termini
„Ding“ und „Sache“ einander gegenüber. Die Sache
sei „Produkt der Betriebsamkeit oder des
menschlichen Handelns als eines durch Sprache
regierten.“ Sie fällt in den Bereich des
Vorbewussten, kann also im Prinzip jederzeit zu
Bewusstsein gebracht werden, weil sie mit
Hilfe von Wörtern bezeichnet werden kann. „
Sache
und Wort sind also fest aneinander
gebunden, bilden ein Paar. Das Ding hat
seinen Ort anderswo.“ In ihm liegt das
„wirkliche
Geheimnis“,66 das heißt ein Geheimnis, dass
niemals gelüftet werden kann, weil es nicht in
die symbolische Ordnung zu überführen ist.
Insofern es nicht verstanden, gewusst oder in
Worte gefasst werden kann, ähnelt es dem
Kantschen
Ding an sich.
Die große, von Lacan jedoch nicht weiter
spezifizierte Nähe dieses Konzepts zum
Realen liegt auf der Hand.
67
Diesem zugehörig nimmt das Ding eine eigenartige
Zwischenstellung gegenüber der äußeren Realität
und dem, was Freud psychische Realität
genannt hatte, ein. Es ist dem Subjekt weder
innerlich noch äußerlich oder aber beides
zugleich. Lacan bezeichnete diesen Zustand als
„intime Exteriorität“ oder „Extimität
[
extimité]“.
Das Ding ist innerlich, insofern es als
„Mittelpunkt des Ichs“ die Bewegung der
Vorstellungen lenkt, deren Gravitationszentrum
es darstellt, ohne selbst jemals vorgestellt
65 Lacan
(1996), S.19 / S.20f.
66 Lacan
(1996), S.59 / S.58
67
Gondek hat dies so ausgedrückt: „Das Ding
ist nicht das
Reale, aber es ist die größtmögliche Annäherung
an
dieses,
insofern
das Ding
die Grenze
des Benennbaren und damit auch des Erkennbaren
bezeichnet.“ Gondek
(2001b),
S.139
Die Dauer der Kur und die
Sitzungsdauer
194
werden zu können. Es ist der blinde Fleck des
Subjekts, von dem aus dessen gesamte Welt
organisiert wird. Aber zugleich beschrieb Lacan
es „als
Fremdes, gelegentlich sogar
Feindliches, jedenfalls als das erste Außen“,
das immer als der entscheidende Bezugspunkt
fungieren wird, „als absolutes Anderes“, welches
das Subjekt sein Leben lang vergeblich
wiederzufinden versucht (ohne ihm jemals
wirklich begegnet zu sein), als „das, woran sich
der ganze Weg des Subjekts orientiert.“
68
Aber obwohl das Ding als maßgebliche
Orientierungsmarke allen Strebens des
Subjekts dient, betonte Lacan, dass es sich
dabei nicht um ein „Höchstes Gut“ handeln kann,
weil es fatal wäre, wenn man es erreichen würde.
Das Leben basiert auf der Spannung,
welche die Distanz zu diesem uneinholbaren
Fluchtpunkt erzeugt. Deshalb müssen die
Moralgesetze Schranken schaffen, welche die
Entweihung jenes „jenseitigen Heiligen“
69
verhindern. Im Einklang mit Freud und
Lévi-Strauss sah Lacan im Inzesttabu das
prototypische zu diesem Zweck erlassene Verbot.
Freud, so Lacan, habe uns gezeigt, „daß es
ein Höchstes Gut nicht gibt – daß jenes Höchste
Gut, das
das Ding ist, das die Mutter, das
Objekt des Inzests ist, ein verbotenes Gut ist
und daß es kein anderes Gut gibt. Das ist das
bei
Freud umgestürzte Fundament des Moralgesetzes.“
Aber Lacan fügte gleich hinzu: „Es geht
jetzt darum zu begreifen, woher das positive
Moralgesetz rührt, das sehr wohl intakt
geblieben
ist“.
70
Was Lacan hier ansprach, war die Krise, in
welche die Ethik im Laufe des 19.
Jahrhunderts hineingeraten war (das Werk
Friedrich Nietzsches war hierfür symptomatisch)
und aus der sie sich das ganze 20. Jahrhundert
hindurch nicht zu befreien vermochte. Wenn
alle moralischen Ziele genealogisch und
psychologisch durchleuchtet ihre Verbindlichkeit
eingebüßt haben und dem Relativismus zum Opfer
gefallen sind, wenn kein „Höchstes Gut“
mehr anerkannt wird, wonach soll das Subjekt
dann noch streben? Obwohl Lacan auf eine
Remoralisierung der Psychoanalyse hinarbeitete,
unterstützte er Freuds Projekt einer
Zerstörung überkommener Moralvorstellungen und
trieb es sogar noch weiter. Die „Position
der traditionellen Ethik“ bestand in seinen
Augen in der Forderung nach „Schmälerung des
Begehrens, Bescheidenheit, Mäßigung“, worin
Lacan eine unterdrückerische „Herrenmoral“
zu erkennen glaubte: „Was proklamiert Alexander,
als er in Persepolis, was Hitler, als er in
Paris ist? Die Präambel besagt wenig –
Ich
bin gekommen, um Euch von diesem oder jenem zu
befreien.
Das Wesentliche besteht darin –
Arbeiten Sie weiter. Die Arbeit darf nicht
unterbrochen werden.
Was
heißt –
Eines muß klar
sein, es ist in keinem Fall eine
68 Lacan
(1996), S.171 / S.167 bzw. S.67 / S.65 bzw.
S.73f. / S.72 und S.89 / S.87
69 Lacan
(1996), S.172 / S.168
70 Lacan
(1996), S.88 / S.85
Die Dauer der Kur und die
Sitzungsdauer
195
Gelegenheit, das geringste Begehren zu zeigen
.
Die Moral der Macht, des Dienstes an den
Gütern ist –
Was
die Begierden angeht, da werden Sie nochmals
vorbeikommen müssen. Die
können warten.“71
Für noch problematischer hielt Lacan, dass eine
derartige Repression von
den Subjekten nur allzu leicht verinnerlicht
wird. Freud hatte die Bildung des Überichs auf
die
Internalisierung von Aggressionen zurückgeführt,
die ein Mensch entweder von Seiten
anderer erfährt (z.B. wenn ein Kind von seinen
Eltern bestraft wird, weil es etwas Verbotenes
getan hat) oder selbst entwickelt, ohne sie
abreagieren zu können (etwa weil der andere
stärker scheint und mit Vergeltung oder Strafe
zu rechnen ist), sodass die aggressiven Impulse
schließlich verinnerlicht werden und sich gegen
das Subjekt selbst richten. Deshalb sah Freud
sich „in therapeutischer Absicht sehr oft
genötigt, das Über-Ich zu bekämpfen“ und seine
überzogenen moralischen Ansprüche
herunterzuschrauben. Zugleich war er aber auch
davon
überzeugt, dass seine Entwicklung ein
„seelischer Fortschritt“ war und zu unseren
wertvollsten kulturellen Errungenschaften
gehört, auch wenn das Überich das Individuum in
seinem von Grund auf egoistischen Streben nach
Glück behindert, kommt es doch letztlich
dem Gemeinschaftsleben zugute.
72
Lacan hingegen war von solcher Ambivalenz frei.
Er
betrachtete es als die „wahre Pflicht“ des
Patienten, gegen diesen „paradoxen und kranken,
halb unbewußten Imperativ“ anzugehen.
73
Paradox daran sei, „daß das Moralbewußtsein um
so fordernder auftritt, je mehr es geläutert ist
– um so grausamer, je weniger wir es tatsächlich
verletzen – um so spitzfindiger, je mehr wir es
im Geheimsten unserer Regungen und
Begehren, durch unsere Enthaltung in Akten
zwingen, uns heimzusuchen. Kurz, der
unauslöschliche Charakter dieses
Moralbewußtsein, seine paradoxe Grausamkeit
macht aus
ihm im Individuum so etwas wie einen Parasiten,
der sich aus den ihm zugestandenen
Befriedigungen ernährt.“
74
Lacan wollte seine Analysanden von der
Unterwerfung durch universalistische
Gesetze und Moralvorschriften befreien
(einschließlich solcher, die sich unter der
Maske
natürlicher Gesetzmäßigkeiten verbargen) und
ihnen ein Leben ohne Gewissensbisse und
Schamgefühle ermöglichen. „Was suchen wir denn
in der Analyse“, fragte er, „anderes als
eine befreiende Wahrheit? […] Die Wahrheit, die
wir in einer konkreten Erfahrung suchen, ist
nicht die eines höheren Gesetzes. Wenn die
Wahrheit, die wir suchen, befreiende Wahrheit
ist, dann ist es eine Wahrheit, die wir am Punkt
einer Hehlerei unseres Subjekts suchen
müssen. Es ist eine partikulare Wahrheit.“ Sie
hat „den Charakter eines gebieterischen
71 Lacan
(1996), S.375 / S.363
72 Freud,
G.W., XIV, S.482ff., S.503 bzw. S.332
73 Lacan
(1996), S.14f. / S.16
74 Lacan
(1996), S.111f. / S.107f.
Die Dauer der Kur und die
Sitzungsdauer
196
Wunsches
.
Nichts, was sie von außen zu beurteilen
erlaubte, vermöchte sich dem
entgegenzusetzen. […] Der Wunsch hat
nicht den Charakter eines allgemeinen, sondern
im
Gegenteil, des partikularsten Gesetzes“.75 Lacan
war Strukturalist genug, um aus seinen
Patienten keine vollkommen anomischen Existenzen
machen zu wollen. Dieses „eigenste
Gesetz“, welches das Subjekt durch die Analyse
der Übertragung kennen lernen und in der
Kur erobern sollte, „bedeutet zuerst stets die
Annahme von etwas, das sich vor diesem in den
vorausgehenden Generationen zu artikulieren
begonnen hat“. Insofern das Unbewusste
überindividuell organisiert ist, kommt die
„Unterwerfung des Menschen unter das Gesetz des
Unbewußten“ nicht der Erringung umfassender
Autonomie gleich. Das Subjekt findet seine
Bestimmung in jener „Genealogie von
Verpflichtungen“ und „Pakten, die es eingegangen
ist,
zum großen Teil ohne recht zu wissen wie“. Nach
seinem „eigensten Gesetz“ zu leben, heißt
nicht, in Freiheit und Glück zu leben. Es kann
bedeuten, ein zutiefst tragisches Schicksal auf
sich zu nehmen, wie Lacan am Beispiel der
Antigone zeigte, und ist dann „nicht weniger mit
dem Unglück verwandt.“ In Anbetracht dieser
Zielsetzung machte Lacan zu Recht darauf
aufmerksam, dass es ein Schwindel sei, dem
Patienten „sein Wohl“ zu versprechen. „Es gibt
nicht den geringsten Grund dafür, daß wir uns zu
Garanten des Bürgertraums machen.“
76
Wenn die lacansche Analyse jenen „gebieterischen
Wunsch“ zu Tage förderte, in dem
der Analysand das nur für ihn bestimmte Gesetz
erkennen sollte, so geschah dies nicht, um
ihn der Erfüllung seines Wunsches einen Schritt
näher zu bringen. Wenn Lacan vom Gesetz
sprach – egal ob es sich dabei um das
universalste, das Inzesttabu, oder um das
partikularste
handelte – so meinte er damit jene Schranke, die
das Subjekt von dem „extimen“ Gegenstand
seines Begehrens abhält und so das Begehren
selbst vor seinem Erlöschen in der Befriedigung
bewahrt. Lacan übersetzte Freuds Begriff des
Wunsches mit
désir, Begehren (statt mit
voeu
oder
souhait), womit auch Hegels Terminus
Begierde üblicherweise übersetzt wurde, da
in
seinen Augen der Wunsch bzw. das Begehren wie
Hegels Begierde wesentlich unerfüllbar
war. In der Kur sollten die in der
Übertragungsbeziehung artikulierten Bedürfnisse
und
Ansprüche des Analysanden auf das in ihnen
versteckte Begehren zurückgeführt werden.
Diese scheinbar konkreten Wünsche erwecken
zunächst den Eindruck, durchaus erfüllbar zu
sein, aber jedes Mal wird sehr bald klar: „
Das
ist es nicht.“77 Hinter den Forderungen und
Unzufriedenheiten steckt in Wahrheit ein
Begehren, das sich nicht an diesem oder jenem
Objekt festmachen lässt (wie ein Sexualpartner,
die Person der Mutter, eine bestimmte
Identität, etwa im Wunsch, Psychoanalytiker zu
werden, oder das Glück), denn es gibt nichts,
75 Lacan
(1996), S.33 / S.32f.
76 Lacan
(1996), S.94 / S.92, S.358 / S.347 bzw. S.361 /
S.350
77 Lacan
(1986), S.121 / S.101 und S.136 / S.114
Die Dauer der Kur und die
Sitzungsdauer
197
was die fundamentale Leere ausfüllen könnte, um
die das Begehren kreist – auch wenn das
Subjekt dazu tendiert, diese beängstigende
Öffnung in seinem Innersten mit diversen
fantasmatischen Objekten zu stopfen und sich auf
diese zu kaprizieren. Aber hinter alledem
verbirgt sich letztlich nichts anderes als das
Ding, denn es „wird stets durch eine Leere
repräsentiert, weil es nicht durch anderes
repräsentiert werden kann – oder genauer, weil
es
repräsentiert werden kann allein durch anderes.“
78
Diese transzendentale, sich stets
entziehende Entität ist das, worauf sich das
Begehren eigentlich richtet. Hans-Dieter Gondek
hat diesen Sachverhalt so beschrieben: Das Ding
„ist der absolute Bezugspunkt jedes
Begehrens. Diese Antwort verblüfft vielleicht
auf den ersten Blick. Aber genau das
unterscheidet das Begehren vom Bedürfnis: Es ist
nicht stillbar, man kann es nicht abstellen,
indem man ihm das adäquate Objekt beibringt.
Denn ein solches Objekt gibt es nicht. Eben
weil das Begehren letztlich auf das Ding geht,
ist für es jedes Objekt unzureichend. Genau
genommen ist die Beziehung sogar umgekehrt: Das
Begehren in der ihm eigenen
Unstillbarkeit hat kein adäquates Objekt – und
diese Leerstelle füllt ‚das Ding‘ als nackte
Referenz und damit als Jenseits jedes Objekts
auf. Wir haben es hier gewissermaßen mit einer
Ethik des Begehrens
zu
tun, insofern nämlich aus dem Begehren selbst
eine Normativität ins
Spiel kommt, die das Begehren auf das Ding als
seine Transzendenz orientiert und damit in
Gang hält.“
79
Es geht in der Analyse nicht darum, dass das
Begehren befriedigt wird, sondern
darum, es im Sprechen als Begehren
anzuerkennen.80 In der Kur soll nicht ein
Zustand von
Normalität erreicht werden, der sich stabil
erhalten wird, sondern eine Affirmation der
Subjektivität als einer Existenzform, die von
einer fundamentalen Offenheit gegenüber der
Zukunft geprägt wird, weil sie stets im Werden
begriffen ist und auf ein unerreichbares Ziel
hinarbeitet.
Lacans Ethik der Psychoanalyse ist eine Ethik
des Realen, weil sie nicht fordert, ein
bestimmtes Ideal zu erfüllen, sondern vom
Subjekt verlangt, in der ihm eigenen Umlaufbahn
das Ding zu umkreisen und sein Unbewusstes zu
realisieren, indem es sich wieder und wieder
bemüht, seinen unsagbaren Kern in die
symbolische Ordnung zu überführen. „Das Subjekt
aber ist da, um sich wiederzufinden da wo es
[...] das Reale war.“ Lacans bis zum Schluss
unaufhörlich vorgebrachte These, dass das
Unbewusste strukturiert sei wie eine Sprache,
bekommt hierdurch noch einmal eine neue Wendung:
in seinem Spätwerk erscheint es immer
weniger als jene „anderswo schon geschriebene“
Ordnung. Stattdessen wird es auf ein
amorphes Etwas, das Ding, zurückgeführt, das
erst im Sprechen Gestalt annimmt. Lacan
78 Lacan
(1996), S.160 / S.155
79 Gondek
(2001b), S.140
80 Lacan
(1978a), S.235 / S. 207
Die Dauer der Kur und die
Sitzungsdauer
198
bestand darauf, „daß das Ding sich uns nur
zeigt, indem es Wort macht“. „Das Unbewußte
fassen wir letztlich nur in seiner Explikation,
in dem, was von ihm in Wortereignissen
artikuliert ist. Von da her haben wir das Recht
[...] zu bemerken, daß dieses Unbewußte selbst
letztlich keine andere Struktur hat als eine
Sprachstruktur.“
81
Es ist aber immer nur ein Teil,
der davon gesagt wird und dann sprachlich
strukturiert zum Vorschein kommt: sein reales
Zentrum bleibt formlos und geht in keiner seiner
Verbalisierungen auf. Sein Begehren stellt
das Subjekt vor die unendliche Aufgabe, seinen
realen Kern – egal, ob er als Trauma oder als
Objekt des Begehrens betrachtet wird – zu
umschreiben, ihn auf dem Feld des Symbolischen
durch Worte, Gesten oder Akte zu erfassen, etwas
davon einzufangen. Der Leitgedanke von
Lacans libertärer Ethik war, „daß es nur eines
gibt, dessen man schuldig sein kann, zumindest
in analytischer Perspektive, und das ist,
abgelassen zu haben von seinem Begehren [
avoir
cédé
sur son désir].“
Die Analyse sollte nicht in erster Linie
gesunde, psychisch normale oder
moralisch geläuterte Individuen hervorbringen,
sondern Menschen, die der Frage, welcher in
Lacans Augen der „Wert eines Jüngsten G